Krisen-Gewinner
Diese tollkühnen Reeder schicken Tanker durch die Straße von Hormus – und machen richtig Kasse

500.000 Dollar Tagesumsatz für eine Fahrt durch die Hölle: Reedereien wie Dynacom, Frontline und Minerva Marine schicken ihre Flotten trotz akuter Lebensgefahr durch das Nadelöhr des Weltmarkts. Der Lohn für die waghalsige Aktion am Rande des Abgrunds sind Frachtraten von bis zu einer halben Million Dollar pro Tag.

Der Krieg im Nahen Osten tobt – und mit ihm ein globales Wirtschaftsbeben. Ölpreise schießen nach oben, Tanker werden zur Zielscheibe, und eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt ist plötzlich ein Hochrisikogebiet: die Straße von Hormus. Doch mitten im Chaos zeigt sich ein bekanntes Muster: Während viele verlieren, verdienen einige gerade jetzt richtig viel. Darunter einige offenbar furchtlose Reeder.

Während der Großteil der Branche seine Tanker aus Sicherheitsgründen zurückhält, schicken einzelne Schifffahrtunternehmen sie bewusst durch die Engstelle.

In der vergangenen Woche ließ der griechische Milliardär George Prokopiou mit seinem Schifffahrtsunternehmen Dynacom Tankers dem "Luxemburger Wort" zufolge gleich fünf gewaltige Tanker durch die derzeit riskanteste Meerenge der Welt fahren – voll beladen mit saudischem Rohöl und verarbeiteten Erdölprodukten.

Ein riskantes Unterfangen, das sich finanziell auszahlt, zumal die Frachtraten explodiert sind. Ein einzelner Großtanker für Rohöl, der die Passage durch die Meerenge Richtung China antritt, kann laut Daten von Argus Media rund 500.000 Dollar täglich einspielen, wie die "Financial Times" berichtet.

Gefährliche Ausweichroute am Roten Meer

Nicht nur Dynacom Tankers soll dieses Wagnis eingegangen sein, wie die FT weiter schreibt. Auch Minerva Marine aus dem Umfeld des griechischen Reeders Andreas Martinos, Frontline des norwegischen Unternehmers John Fredriksen sowie der chinesische Staatskonzern Cosco weiterhin auf Fahrten trotz der angespannten Lage. Ein Teil der Tanker wird außerdem stattdessen über die saudische Küste am Roten Meer umgeleitet. Doch auch diese Route ist alles andere als sicher: In der Meerenge Bab al-Mandab kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Attacken durch Huthi-Milizen aus dem Jemen.

Fahrt ohne Transponder

Der Preis dafür ist hoch. Die Crews an Bord setzen ihr Leben aufs Spiel. Die Tanker sollen teils ohne aktive Transpondersignale unterwegs sein. Das macht die Fahrt für Kapitäne und Crews zwar deutlich heikler, weil sie andere Schiffe schwieriger im Blick behalten konnten. Zugleich sind sie aber schwerer zu orten, wie die Bild Zeitung berichtet. Zudem sind bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord. Den Seeleuten wird der riskante Einsatz dem Bericht zufolge mit beträchtlichen Zuschlägen vergütet.

Nicht nur die tollkühnen Reeder profitieren. Auch Öl- und Gasproduzenten außerhalb der Krisenregion erleben einen Boom. Vor allem in den USA laufen die Förderanlagen auf Hochtouren. Die Industrie dort ist in einer komfortablen Lage: Sie kann die steigenden Preise nutzen und gleichzeitig Engpässe auf dem Weltmarkt teilweise ausgleichen. Ähnliches gilt für europäische Energiekonzerne, die ihre Produktion außerhalb des Persischen Golfs hochfahren könnten.

Gewinner und Verlierer

Ein weiterer Gewinner: Flüssiggas-Exporteure. Weil wichtige Anbieter aus dem Golf ausfallen, springen vor allem US-Unternehmen ein, wie das manager magazin berichtet. Sie profitieren von flexiblen Lieferverträgen und können ihre Ware kurzfristig dorthin lenken, wo die Preise am höchsten sind – etwa nach Europa oder Asien.

Auch große Rohstoffhändler wittern ihre Chance. Die extremen Preisschwankungen eröffnen Möglichkeiten für lukrative Deals. Wer schnell reagiert und clever handelt, kann in solchen Phasen enorme Gewinne erzielen. Doch auch hier gilt: Wo kurzfristig viel zu holen ist, droht auch der Absturz – etwa wenn Lieferketten reißen oder Finanzierungen ins Wanken geraten.

Auf der anderen Seite stehen klare Verlierer, allen voran freilich jene Unternehmen, die stark von der Golfregion abhängig sind. Besonders hart trifft es asiatische Raffinerien. Länder wie Indien, China oder Japan sind massiv auf Ölimporte durch die Straße von Hormus angewiesen. Fällt dieser Nachschub aus oder verteuert sich drastisch, geraten ganze Industrien ins Straucheln. Ein Wechsel auf andere Rohölsorten ist oft technisch schwierig und kurzfristig kaum umsetzbar.

Und selbstredend leiden auch die Produzenten direkt vor Ort. Beschädigte Anlagen, gestörte Exporte und unsichere Transportwege zwingen viele, ihre Förderung zu drosseln oder ganz einzustellen.

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