Bilendi-Studie für Paul’s job
Viele Bewerber fühlen sich wie Bittsteller und Glücksspieler

| Redaktion 
| 28.09.2026

Der vielbeschworene Fachkräftemangel sollte dafür sorgen, dass sich Unternehmen redlich um potenzielle Verstärkung bemühen. In der Wahrnehmung vieler Bewerber ist davon allerdings noch nicht allzu viel angekommen: Eine aktuelle Studie offenbart nennenswertes Misstrauen gegenüber dem modernen Recruitingprozess – von vermuteten Vorurteilen über das Gewicht persönlicher Sympathie bis hin zum Gefühl, eher Bittsteller als gleichwertiger Gesprächspartner zu sein.

Ein paar Stationen im Lebenslauf, wohlgewählte Formulierungen, ein schmeichelhaftes Foto, ein kompaktes Anschreiben. Alles soll professionell wirken – interessant, aber nicht aufdringlich; individuell, aber nicht übermäßig aus dem Rahmen fallend. Selbstbewusst, aber auf keinen Fall überheblich.

Bewerbungen erfordern von ihren Autoren, sich selbst in möglichst wenigen Zeilen als plausible Verstärkung für ein Unternehmen darzustellen. Doch was nach der erfolgten Abgabe passiert, bleibt für Bewerber häufig unsichtbar.

Wer liest die Unterlagen? Was fällt ins Auge? Welche Details bleiben hängen? Wann wird aus einer Bewerbung ein Gespräch? Dem modernen Bewerbungsprozess wohnt eine große Ungleichmäßigkeit inne: Eine Seite legt viel offen, die andere bewertet es weitgehend hinter den Kulissen.

61 Prozent glauben, dass Sympathie entscheidender als Fachliches ist

Daraus ergibt sich ein Vertrauensproblem, das eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungsinstituts Bilendi nun genauer vermisst. Im Auftrag des Berliner HR-Technologieunternehmens Paul's job wurden dazu im Juli dieses Jahres insgesamt 1044 Voll- oder Teilzeitbeschäftigte aus Deutschland befragt, die sich in den vergangenen zwölf Monaten um einen Job beworben haben.

Folgende Erkenntnisse ergeben sich unter anderem aus der Studie:

  • Vorurteile: Für eine Mehrheit scheint nicht allein die fachliche Eignung ausschlaggebend, da 57 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass Vorurteile aufgrund von Alter, Geschlecht oder auch Herkunft die Auswahl beeinflussen.  

  • Sympathie: Sogar 61 Prozent glauben, dass die persönliche Sympathie auf Recruiterseite stärkeren Einfluss auf Auswahlentscheidungen nimmt als objektive Kriterien. Das steht durchaus im Gegensatz zum Selbstbild vieler Unternehmen, die ihre Verfahren häufig als strukturiert und kriteriengeleitet verstehen.

  • Transparenz: Nur 35 Prozent empfinden aktuelle Bewerbungsverfahren als transparent, während für 65 Prozent nur schwer nachvollziehbar ist, was zwischen Bewerbungseingang und Entscheidung eigentlich geschieht.

  • Machtverhältnis: Im Zuge des Bewerbungsprozesses sehen sich 44 Prozent der Befragten auf Augenhöhe – auf der anderen Seite fühlen sich 56 Prozent als "Bittsteller" und sehen Arbeitgeber am längeren Hebel.

  • Erreichbarkeit: 59 Prozent haben den Eindruck, dass mögliche Arbeitgeber während des Bewerbungsverfahrens für Rückfragen nur schwer zu erreichen sind. Selbst dort, wo Bewerbende konkreten Klärungsbedarf haben, scheint der direkte Austausch mitunter schwierig.

  • Glücksspiel: Immerhin 46 Prozent beschreiben den Prozess eher als "willkürlich und schwer nachvollziehbar"; gleichzeitig erkenne 54 Prozent darin nachvollziehbare Regeln.

"Auch Krisen und schlechte Konjunktur machen aus kandidatenorientierten Prozessen noch kein Schönwetterthema", gibt Yannick Evans, Mitgründer und Geschäftsführer von Paul’s job, zu bedenken.

"In der Pflege, im Handwerk und in anderen Branchen bleibt der Fachkräftemangel akut, ganz egal, wie viele Bewerbungen anderswo eingehen. Wer hier Bewerbende im Verfahren nicht überzeugt, verliert sie an Wettbewerber, die es besser organisieren und freundlicher auftreten. Und wer über solche Branchen hinaus Image und Kompetenzen zur Kandidatengewinnung in schlechten Prozessen verbrennt, setzt einen unbeweglichen Talent-Bremsklotz vor die nächste Aufschwungphase."

Auch die Befragten wurden um Vorschläge gebeten, wie Unternehmen das Vertrauen in den Bewerbungsprozess wieder stärken könnten: Transparenz hinsichtlich der Kriterien bei einer Absage sind für 43 Prozent wichtig; unmittelbar dahinter (42 Prozent) steht der Wunsch nach sympathischen Ansprechpartnern beim Recruiting und unter den möglichen Vorgesetzten. Die Freiheit von Vorurteilen halten 32 Prozent für eine dringend erforderliche Veränderung.

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