Mehr als die Hälfte der Unternehmensentscheider:innen in Deutschland rechnet mit einer grundlegenden Verschiebung bei der digitalen Suche. 55 Prozent erwarten, dass KI-Tools wie ChatGPT, Google Gemini oder Microsoft Copilot innerhalb der kommenden drei Jahre für die Kundengewinnung wichtiger werden als die klassische Google-Suche. 28 Prozent widersprechen dieser Einschätzung.
Das geht aus einer repräsentativen YouGov-Befragung unter 509 Unternehmensentscheider hervor, die im Auftrag der Münchner Online-Marketing-Agentur Seokratie durchgeführt wurde. Bereits heute sehen 54 Prozent der Befragten einen Einfluss von KI-Tools darauf, wie Kund:innen auf Unternehmen aufmerksam werden.
Auch die berufliche Nutzung ist laut Umfrage bereits verbreitet. 55 Prozent recherchieren mindestens mehrmals pro Woche mit KI-Tools nach Produkten oder Dienstleistungen. 23 Prozent tun dies täglich oder fast täglich. Lediglich 14 Prozent nutzen künstliche Intelligenz für solche Recherchen nie.
Dass sich die Informationssuche insgesamt in diese Richtung bewegt, zeigt auch die Postbank Digitalstudie 2026 zur KI-Nutzung in Deutschland: Bereits 38 Prozent der Deutschen suchen demnach regelmäßig gezielt mithilfe von KI-Anwendungen nach Informationen.
KI-Suche ist vor allem bei komplexen Angeboten relevant
Seokratie-Gründer und -Geschäftsführer Julian Dziki sieht den Wandel differenziert. Entscheidend sei, welche Produkte oder Dienstleistungen gesucht werden. Bei komplexeren Angeboten spiele die KI-Suche bereits eine größere Rolle.
"Wer eine Individualsoftware, eine Industriemaschine oder einen IT-Dienstleister sucht, der recherchiert bereits heute zumindest teilweise mit KI-Systemen wie Claude und ChatGPT", sagt Dziki. Einfache Suchanfragen würden dagegen auch langfristig über Google laufen. Aus seiner Sicht werden beide Suchwege parallel bestehen.
Parallel verändert Google selbst seine Suche grundlegend. Der Konzern entwickelt die klassische Suchmaschine zunehmend zu einer KI-gestützten Antwortplattform, in der dialogbasierte Antworten und KI-Agenten eine größere Rolle spielen.
Für Unternehmen verschiebt sich damit die strategische Frage. Nicht allein die Reichweite eines Kanals ist relevant, sondern auch, wo potenzielle Kund:innen während ihrer Recherche tatsächlich nach Informationen suchen.
KI-Traffic ist klein, konvertiert aber häufiger
Daten aus B2B-Kundenprojekten von Seokratie zeigen dabei einen auffälligen Unterschied zwischen Reichweite und Anfragen. Nach Angaben der Agentur stammen im Durchschnitt bislang lediglich rund 0,5 Prozent der Website-Besucher aus ChatGPT und anderen KI-Systemen. Rund zehn Prozent dieser Besucher stellen anschließend eine Anfrage per Formular, E-Mail oder Telefon.
Bei der klassischen Google-Suche sieht das Verhältnis anders aus. Sie liefert laut Seokratie rund 22 Prozent der Website-Besucher, von denen etwa 1,5 Prozent eine Anfrage stellen. Nach diesen Kundendaten liegt die Anfragequote des KI-Traffics damit mehr als sechsmal so hoch wie bei Besucher aus der Google-Suche.
Die Zahlen stammen aus Kundenprojekten der Agentur und sind damit von der repräsentativen YouGov-Befragung zu unterscheiden. Sie zeigen jedoch, warum für Unternehmen neben dem Traffic auch die Qualität der daraus entstehenden Kontakte relevant sein kann.
"Bei den meisten unserer Kunden sehen wir dasselbe Bild: Der KI-Traffic ist winzig, aber die Besucher, die darüber kommen, sind um ein Vielfaches wertvoller", sagt Dziki. Gleichzeitig verweist er auf eine Besonderheit KI-generierter Antworten: Unternehmen, die von einem System nicht genannt werden, können bei dieser Form der Recherche für Nutzer:innen weniger sichtbar sein.
Inhaber beurteilen KI-Suche skeptischer
Besonders deutlich unterscheiden sich die Erwartungen nach Unternehmensgröße und beruflicher Position. In Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten erwarten 64 Prozent der Befragten, dass die KI-Suche in drei Jahren wichtiger sein wird als Google. Bei Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten sind es 43 Prozent.
Noch größer ist der Abstand zwischen Inhaber und angestellten Führungskräften. Unter Eigentümer, Inhaber und Partner stimmen lediglich 36 Prozent der Erwartung zu, dass KI-Suche für die Kundengewinnung wichtiger wird als Google. 41 Prozent widersprechen. Unter angestellten Führungskräften vom mittleren Management bis zur Geschäftsführung liegt die Zustimmung laut Befragung dagegen bei rund 60 Prozent.
Auch die eigene Nutzung unterscheidet sich. 27 Prozent der befragten Inhaber geben an, nie mit KI-Tools nach Produkten oder Dienstleistungen zu recherchieren. Im Durchschnitt aller Entscheider beträgt dieser Anteil 14 Prozent.
Seokratie empfiehlt Unternehmen dennoch keinen überstürzten Strategiewechsel. Dziki rät zunächst dazu, Zugriffe aus KI-Systemen in der Webanalyse gesondert zu erfassen und zu prüfen, wie viele konkrete Anfragen daraus entstehen. Website-Inhalte sollten zudem stärker auf tatsächliche Fragen potenzieller Kund eingehen.
Bei Produkt- und Leistungsseiten sieht die Agentur vor allem konkrete Informationen als relevant an. Dazu gehören etwa Einsatzgebiete, technische Daten, Preise – sofern sinnvoll – und Referenzen.
Wie wichtig klar strukturierte Informationen für die Sichtbarkeit in KI-Systemen werden können, zeigt auch eine Analyse zur Präsenz von Ikea in KI-Antworten. Demnach erleichtern eindeutige Begriffe, konsistente Daten und logisch aufgebaute Produktinformationen Sprachmodellen die Zuordnung einer Marke.
Von Maßnahmen wie gekauften Backlinks oder Forenspam rät Dziki ausdrücklich ab.
Für Entscheider:innen macht die Untersuchung damit vor allem einen Punkt sichtbar: Der Stellenwert von KI-Suche lässt sich nicht allein an heutigen Besucherzahlen ablesen. Entscheidend ist auch, ob aus vergleichsweise wenigen Kontakten tatsächlich Geschäftsanfragen entstehen.
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