Energieinfrastruktur
RWE übernimmt Mehrheit bei Amprion und investiert Milliarden in den Netzausbau

Wer über die Energiewende spricht, denkt meist an Windparks, Solaranlagen oder Batteriespeicher. Doch zunehmend entscheidet ein anderer Faktor darüber, ob das neue Energiesystem funktioniert: die Stromnetze. Mit der geplanten Aufstockung seiner Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion auf 55 Prozent baut RWE seine Position in einem Bereich aus, der für Deutschlands Energieversorgung immer wichtiger wird. Die Transaktion zeigt, warum Netzinfrastruktur für Energieunternehmen und Investoren zunehmend an strategischer Bedeutung gewinnt.

Der Ausbau der Stromnetze entwickelt sich zu einer der größten Infrastrukturaufgaben Deutschlands. Während in den vergangenen Jahren vor allem neue Erzeugungskapazitäten geschaffen wurden, wächst der Druck auf die Netze, die Strom aus Wind- und Solaranlagen zu Industrieunternehmen, Gewerbebetrieben und Haushalten transportieren müssen.

Vor diesem Hintergrund erhöht RWE seine Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion auf 55 Prozent und wird damit Mehrheitsgesellschafter eines der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Für die zusätzlichen Anteile zahlt der Konzern 3,6 Milliarden Euro.

Warum Stromnetze zum Engpass der Energiewende werden

Der Erfolg der Energiewende hängt längst nicht mehr allein vom Ausbau erneuerbarer Energien ab. Entscheidend ist zunehmend die Frage, ob die vorhandene Infrastruktur mit dem steigenden Stromaufkommen Schritt halten kann.

Wie wichtig eine verlässliche Energieinfrastruktur für Unternehmen geworden ist, zeigte zuletzt der Blackout in Berlin, bei dem mehr als 1.500 Unternehmen tagelang ohne Strom auskommen mussten. Der Vorfall machte deutlich, dass selbst regionale Ausfälle erhebliche Folgen für Produktion, Lieferketten und wirtschaftliche Abläufe haben können.

Vor allem Windenergie wird häufig dort erzeugt, wo vergleichsweise wenige Verbraucher ansässig sind. Die energieintensive Industrie befindet sich dagegen vielfach in anderen Regionen. Der Transport dieser Strommengen über weite Entfernungen erfordert leistungsfähige Übertragungsnetze und milliardenschwere Investitionen in neue Leitungen.

Amprion nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Das Unternehmen betreibt ein rund 11.000 Kilometer langes Höchstspannungsnetz und transportiert Strom für etwa 29 Millionen Menschen sowie zahlreiche Industriestandorte zwischen Nordsee und Alpen. Für die Industrie wird der Netzausbau damit zu einem entscheidenden Faktor für Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und die Integration erneuerbarer Energien in den Markt.

Warum RWE auf Netzinfrastruktur setzt

Mit der Transaktion erweitert RWE sein Geschäftsmodell um einen Bereich, der sich deutlich von Windparks oder Stromhandel unterscheidet. Übertragungsnetze gelten als regulierte Infrastruktur und bieten vergleichsweise stabile Erträge. Gleichzeitig wächst der Investitionsbedarf in Deutschland und Europa kontinuierlich.

Die Milliardeninvestition fällt in eine Phase, in der Europa seine Energieversorgung nach den Krisen der vergangenen Jahre breiter und unabhängiger aufstellen will. Während der Ausbau erneuerbarer Energien weiter vorangetrieben wird, entstehen parallel Projekte, die die Abhängigkeit von internationalen Lieferanten verringern und die Energieversorgung Europas neu ordnen könnten.

Der Konzern macht das Netzgeschäft künftig neben erneuerbaren Energien sowie flexibler Erzeugung und Speichern zu einem dritten strategischen Investitionsschwerpunkt. Nach Angaben des Unternehmens sollen die Transaktionen das Ergebnis je Aktie unmittelbar erhöhen. Für das Jahr 2031 hob RWE deshalb sein Ziel beim Ergebnis je Aktie von 4,40 Euro auf 4,55 Euro an.

Milliarden für den Ausbau der deutschen Stromnetze

Neben dem Anteilserwerb kündigt RWE zusätzliche Investitionen in den Netzausbau an. Insgesamt sollen bis 2031 rund 6,5 Milliarden Euro über die Beteiligung an Amprion in die deutsche Übertragungsinfrastruktur fließen. Bereits vorgesehen waren Investitionen von rund 2,5 Milliarden Euro, weitere vier Milliarden Euro kommen nun hinzu.

Parallel hält der Konzern an seinem bestehenden Investitionsprogramm von 35 Milliarden Euro netto für erneuerbare Energien, Batteriespeicher und flexible Erzeugungskapazitäten fest.

Finanziert werden soll der Erwerb über eine Eigenkapitalmaßnahme. Geplant sind die Ausgabe neuer Aktien sowie die Veräußerung eigener Aktien an institutionelle Investoren. Der erwartete Bruttoerlös liegt bei rund vier Milliarden Euro. Zu den angekündigten Ankerinvestoren zählen die Qatar Investment Authority und Norges Bank Investment Management.

Der Abschluss der Transaktion wird für das dritte Quartal 2026 erwartet. Amprion soll auch künftig als unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber entsprechend den gesetzlichen Entflechtungsvorgaben geführt werden.

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