Bereits vergangene Woche hat Amazon-Gründer Jeff Bezos, derzeit viertreichster Mensch der Welt, den CNBC-Reporter Andrew Ross Sorkin empfangen – betont bodenständig auf dem Fabrikboden seiner Blue Origin-Raketenschmiede in Merritt Island, Florida.
Statt der Raumfahrt sind seitdem jedoch besonders finanzpolitische Vorschläge des 62-jährigen zum Gegenstand öffentlicher Diskussion geworden: Bezos sprach sich klar dafür aus, die bundesstaatliche Einkommensteuer für die untere Hälfte aller US-Steuerzahler komplett abzuschaffen.
"Warum bezahlt eine Krankenschwester aus Queens, die 75.000 Dollar im Jahr verdient, mehr als 1000 Dollar Steuern pro Monat? Das sind 1000 Dollar, die bei der Miete, bei Einkäufen oder sonstwas helfen könnten", gab Jeff Bezos zu bedenken.
Untere Einkommenshälfte zahlt "gerade einmal drei Prozent der Steuern"
"Und wissen Sie, worauf sich das am Ende addiert? Die untere Hälfte der Einkommen in diesem Land bringt gerade einmal drei Prozent der Steuern ein", fügte er hinzu.
"Es ist ein kleiner Betrag für die Regierung. Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder erscheint es mir, dass wir das so machen. Wir sollten diese Krankenschwester nicht darum bitten, Geld nach Washington zu schicken – Washington sollte ihr eine Entschuldigung schicken."
Während zusätzliche 1000 Dollar pro Monat in mittelständischen US-Haushalten mit Sicherheit auch für erhöhtes Bestellaufkommen bei Amazon sorgen würden, werfen Kritiker dem etwa 273 Milliarden schweren Unternehmer primär vor, von einer höheren Besteuerung extrem wohlhabender Menschen ablenken zu wollen.
Gleichwohl nimmt er auf die vielbemühte Forderung auch im CNBC-Interview Bezug: "Wenn die Leute wollen, dass ich noch mehr Milliarden bezahle – na gut, dann lassen Sie uns diese Debatte führen". Allerdings würde es seiner Beispielperson aus Queens auch nicht helfen, wenn seine Steuern verdoppelt würden, betonte Bezos.
Zudem argumentierte er, dass das US-Steuersystem bereits stark progressiv sei: Das oberste Prozent zahle so zum Beispiel etwa 40 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens.
Bezos hält es deswegen (wie angedeutet) für illusorisch, zu glauben, dass noch höhere Abgaben auf Superreiche das Leben der arbeitenden Mittelschicht spürbar verbessern würden – anders als die vorgeschlagene Entlastung der unteren Hälfte der Verdiener.
Deutschland: Wer finanziert eigentlich wie viel?
Die deutsche Einkommensteuer ist sogar noch progressiver als das US-System. Laut einer Datensammlung von Sozialpolitik Aktuell, die sich auf Zahlen des Bundesfinanzministeriums für 2025 beruft, tragen die oberen 25 Prozent der Steuerpflichtigen (ab etwa 66.550 Euro Einkünfte) bereits 77,3 Prozent des gesamten Aufkommens. Die oberen 10 Prozent allein finanzieren dabei rund 56 Prozent.
Umgekehrt leistet die untere Hälfte der Steuerpflichtigen (bis etwa 39.456 Euro Einkünfte) lediglich einen Beitrag von etwa 6,5 Prozent zum akkumulierten Einkommensteueraufkommen. Ein Deutschland-spezifischer Faktor ist hier der Grundfreibetrag, unter dem gar keine Steuer anfällt. Im untersuchten Jahr belief er sich auf 12.096 Euro.

Nicht vergessen: Frist für die Einkommensteuererklärung 2025 ist am 31. Juli, sofern kein Steuerberater involviert ist (Bild per KI für Leadersnet erstellt)
Bezos’ Logik lässt sich daher grundsätzlich gut auf Deutschland übertragen: Eine weitgehende oder komplette Entlastung der unteren und mittleren Einkommen würde dem Staat vergleichsweise wenig Einnahmen kosten – geschätzt nicht viel mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr.
Gleichzeitig würden Pflegekräfte, Handwerker, Verkäuferinnen oder Selbstständige mit 25.000 bis 60.000 Euro Bruttoeinkommen spürbar entlastet. Gerade diese Gruppe leidet hierzulande unter der hartnäckigen Kombination aus kalter Progression, hohen Sozialabgaben und Inflation.
Bezos‘ Vorschlag in der deutschen Praxis
Eine deutsche Variante des Vorschlags von Jeff Bezos könnte den steuerfreien Bereich im Zuge eines neuen "Mittelschicht-Freibetrags" deutlich ausweiten – beispielsweise auf 50.000 bis 60.000 Euro zu versteuerndes Einkommen für Alleinstehende.
Diese Maßnahme könnte den arbeitenden Kern der Gesellschaft tatsächlich stärken, statt symbolisch am oberen Ende nachzujustieren und weitere Unternehmer-Milliarden direkt in die Staatskasse zu spülen. Eine echte Mittelschicht-Entlastung ohne Gegenfinanzierung über höhere Abgaben dürfte vielerorts als pragmatischer Schritt für mehr Leistungsgerechtigkeit und wirtschaftliche Anreize verstanden werden.
Selbstredend lässt sich besagter Gegenfinanzierungsbedarf nicht einfach ausblenden, wobei auch Jeff Bezos detaillierte Lösungsansätze im CNBC-Interview schuldig blieb. "Wir können drei Prozent finden", sagte er im Bezug auf die Lücke, die den USA bei Umsetzung seines Vorschlags entstehen würde.
Er verwies in diesem Zusammenhang zumindest noch darauf, dass die USA kein Einnahmen-Problem, sondern ein Spending- und Skill-Problem hätten und nannte das Schulsystem von New York als Beispiel. Daraus schlussfolgernd sieht Jeff Bezos in einer Mischung aus Ausgabendisziplin, Effizienzsteigerung und dem Abbau von Verschwendung im Staatshaushalt eine Option, um die ausfallende Einkommensteuer in seinem Modell zu kompensieren.
Wie genau die nötigen Sparmaßnahmen für die Bundesrepublik aussehen könnten? Eine potentiell polarisierende Frage für einen anderen Tag.
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