Gründungsboom Deutschland
KfW: Gründungen steigen auf 690.000 – Nebenerwerb auf Rekordniveau

| Redaktion 
| 06.04.2026

Deutschland erlebt eine überraschend dynamische Rückkehr der Gründungstätigkeit. Laut KfW ist die Zahl der Gründer:innen 2025 deutlich gestiegen. Doch hinter dem Wachstum steht weniger ein klassischer Unternehmergeist als eine strukturelle Verschiebung: Immer mehr Menschen starten nebenbei. Für den Wirtschaftsstandort eröffnet das Chancen – und legt gleichzeitig Schwächen offen.

Die Gründungstätigkeit in Deutschland hat 2025 deutlich zugelegt. Rund 690.000 Menschen machten sich selbstständig – ein Plus von über 100.000 im Vergleich zum Vorjahr. Damit steigt auch die Gründungsintensität spürbar. Doch die Zahlen zeigen vor allem eines: Der Aufschwung wird fast ausschließlich von Nebenerwerbsgründungen getragen, während klassische Vollzeitgründungen stagnieren.

Nebenbei statt Vollzeit: Strukturwandel im Gründungsgeschehen

Die zentrale Verschiebung liegt in der Struktur. 70 Prozent aller Gründungen erfolgen inzwischen im Nebenerwerb – ein historischer Höchstwert. Während die Zahl dieser Gründungen deutlich gestiegen ist, bleibt die Zahl der Vollerwerbsgründungen seit Jahren nahezu unverändert.

Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern Ausdruck veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen:

  • steigende Lebenshaltungskosten erhöhen den Druck auf zusätzliche Einkommen
  • der Arbeitsmarkt bietet weniger flexible Nebenjob-Optionen
  • digitale Geschäftsmodelle senken Eintrittsbarrieren
  • Risikoaversion führt zu schrittweisem Unternehmertum

Die Selbstständigkeit wird damit zunehmend zur Ergänzung – nicht zur Alternative – klassischer Erwerbsarbeit.

Ökonomischer Druck als Treiber – nicht primär Innovation

Der Anstieg der Gründungen ist auf den ersten Blick ein positives Signal. Doch die Motive zeigen eine differenzierte Realität. Für viele Gründer:innen steht nicht die Umsetzung einer Geschäftsidee im Vordergrund, sondern die Stabilisierung der eigenen Einkommenssituation.

Die KfW verweist auf steigende Lebenshaltungskosten und erschwerten Zugang zu klassischen Nebenjobs. Selbstständigkeit fungiert damit als Ventil für ökonomischen Druck. Gleichzeitig bleibt die Mehrheit der Gründer:innen grundsätzlich von unternehmerischer Tätigkeit überzeugt – ein Hinweis darauf, dass Opportunität und Notwendigkeit zunehmend ineinandergreifen.

Wachstum ohne Skalierung – Risiko für den Standort?

Die Struktur der Gründungen wirft strategische Fragen auf. Der Anteil von Sologründungen liegt bei 86 Prozent, nur rund ein Viertel der neuen Unternehmen beschäftigt Mitarbeitende. Zudem entstehen die meisten Unternehmen als Neugründungen, während Übernahmen eine untergeordnete Rolle spielen.

Das ist vor dem Hintergrund einer anstehenden Nachfolgewelle im Mittelstand kritisch. Bis 2029 suchen laut KfW rund 545.000 Unternehmen eine Nachfolge.

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Während die Zahl der Gründungen steigt, fehlt es an Gründungen mit Substanz, Skalierungspotenzial und struktureller Wirkung. Nebenerwerbsmodelle stabilisieren Einkommen, ersetzen aber selten bestehende Unternehmensstrukturen oder schaffen signifikant Beschäftigung.

Strategische Bedeutung für Unternehmen und Politik

Für Entscheider ergeben sich daraus zwei zentrale Implikationen. Erstens verändert sich der Wettbewerb: Mikro- und Nebenunternehmen erhöhen die Marktdynamik in vielen Branchen, insbesondere im Dienstleistungs- und Plattformbereich. Zweitens verschiebt sich das Verständnis von Unternehmertum – hin zu hybriden Erwerbsmodellen.

Für den Standort Deutschland stellt sich damit die strategische Frage, wie aus einem breiten Gründungsimpuls wieder mehr wachstumsorientierte Unternehmen entstehen. Denn die aktuelle Entwicklung zeigt weniger einen klassischen Start-up-Boom als vielmehr eine Anpassungsreaktion auf ökonomische Unsicherheit.

Der Gründungsboom ist real – aber seine Qualität entscheidet darüber, ob daraus langfristige wirtschaftliche Stärke entsteht.

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