Rückschlag für Jeff Bezos
Blue Origin: Feuerball mit Folgen

| Redaktion 
| 28.05.2026

Es sollte ein kurzer Triebwerktest am Boden werden und endete in einem Feuerball, der Blue Origin "einen sehr harten Tag" beschert: Die in der Nacht auf Freitag (deutscher Zeit) in Cape Canaveral explodierte New-Glenn-Rakete ist ein erheblicher Rückschlag für das Raumfahrtunternehmen von Amazon-Gründer Jeff Bezos – finanziell, technisch, terminlich und im Wettbewerb mit SpaceX.

In den nächsten Tagen dürfte sich Jeff Bezos eher weniger mit möglichen Reformen des US-amerikanischen Einkommensteuerrechts befassen: Auf dem Launch Complex 36 der Cape Canaveral Space Force Station in Florida ist es in der Nacht auf Freitag zu einem gleichermaßen spektakulären wie folgenreichen Rückschlag für Bezos‘ Raumfahrtunternehmen Blue Origin gekommen, als die rund 100 Meter hohe New-Glenn-Rakete (NG-4) am Boden explodiert ist.

Passiert ist das bei einem sogenannten Hotfire Test, bei dem die sieben BE-4-Triebwerke der ersten Stufe kurz zünden, während die Rakete fest am Boden verankert bleibt – ein Standardverfahren vor dem Start einer Amazon-Kuiper-Satellitenmission, die in den kommenden Wochen stattfinden sollte.

Beim offensichtlich fehlgeschlagenen Test waren die Satelliten selbst noch nicht an Bord. Andernfalls wären sie in der gewaltigen Explosion mutmaßlich völlig zerstört worden, die den Nachthimmel von Florida orange färbte.

Während Blue Origin nach dem Vorfall recht nüchtern eine "Anomalie" vermeldete, gab Jeff Bezos wenig später etwas ausführlicher zu Protokoll: "Alle Mitarbeiter sind wohlauf und in Sicherheit. Es ist noch zu früh, um sich über die genaue Ursache im Klaren zu sein, aber wir arbeiten bereits daran, sie zu ermitteln. Ein sehr harter Tag, aber wir werden alles wieder aufbauen, was wieder aufgebaut werden muss und den Flugbetrieb wieder aufnehmen. Das ist es wert."

Blue Origin ließ die Bevölkerung von Florida außerdem wissen, dass Trümmerteile der "jüngsten Hotfire-Anomalie" in den kommenden Tagen oder Wochen an Land gespült werden könnten. "Zu ihrer eigenen Sicherheit" sollen sich Bürger diesen Trümmern nicht nähern und sie erst recht nicht berühren.

Vielseitiger Rückschlag für Blue Origin

Für Blue Origin ist die "Anomalie" ein durchaus herber Rückschlag, schließlich war die explodierte Rakete nicht irgendein Prototyp, sondern die voll ausgefertigte und komplett betankte NG-4. Mit der Zerstörung des Boosters und offenbar auch wesentlicher Teile der Oberstufe verliert das Unternehmen neben bloßem Material vor allem wertvolle Zeit.

Immerhin verfügt Blue Origin über eine begrenzte Flotte von New-Glenn-Boostern – und für die unmittelbare Zukunft steht keine zweite voll einsatzbereite Rakete mit gleichen Spezifikationen parat.

Womöglich noch gravierender: Launch Complex 36 in Cape Canaveral ist derzeit der einzige Startkomplex, der für die New Glenn ausgelegt ist. Die rund eine Milliarde US-Dollar teure Anlage hat erheblichen Schaden genommen, weshalb Experten mit mehrmonatiger Reparaturzeit rechnen.

Ebenfalls schmerzhaft ist die Signalwirkung gegenüber der NASA: Blue Origin soll im Rahmen des Artemis-Programms und des geplanten Mondbasen-Aufbaus eine zentrale Rolle spielen, unter anderem mit schweren Fracht- und Lander-Missionen.

Ein längerer Ausfall von New Glenn durchkreuzt die bisherigen Zeitpläne und stärkt die Position von SpaceX, das dieser Tage deutlich höhere Flugfrequenzen und Funktionalität demonstriert und zudem den größten Börsengang aller Zeiten anpeilt.

Elon Musk, Gründer des besagten Mitbewerbers, äußerte auf seinem Kurznachrichtendienst X zum Ende von NG-4 knapp: "Höchst bedauerlich. Raketen sind ein harter Brocken."

Für Jeff Bezos, der Blue Origin seit Jahren als langfristiges Gegenprojekt zu Musks Vorreiter positionieren will, ist die Explosion in der Tat "höchst bedauerlich": Sein Unternehmen muss nun gleichermaßen aus dem Vorfall lernen, die Pad-Infrastruktur zügig reparieren, die Produktion neuer Booster hochfahren, die eigene Kundschaft wirksam vertrösten und obendrauf in einer Branche, in der Zuverlässigkeit über alles geht, Vertrauen zurückgewinnen.

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