Zu einer Zeit, als der Begriff "Internet" in den meisten Sprachschätzen noch keine Rolle gespielt hat, setzte sich der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs – kurz FoeBUD – bereits für "eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter" ein: Die Organisation wurde 1987 im ostwestfälischen Bielefeld ins Leben gerufen und firmiert längst unter dem deutlich griffigeren Namen Digitalcourage.
Ein besonderes Anliegen ist dem Verein seit jeher die Frage, wie digitale Technologien gestaltet sein müssen, damit sie nicht auf Kosten von Privatsphäre, Selbstbestimmung und demokratischen Grundrechten gehen.
Aus dieser Haltung ist im Jahre 2000 eine Auszeichnung hervorgegangen, die zumindest auf Empfängerseite zu den unbeliebtesten der Bundesrepublik zählen dürfte: Der Big Brother Award ist ein Datenschutz-Negativpreis für Unternehmen, Behörden, Politiker, Organisationen oder auch Technologien selbst, die nach Einschätzung der Jury besonders problematisch mit persönlichen Daten, Privatsphäre oder Überwachung umgehen.
Es geht dabei weniger um einzelne Datenschutzverstöße als vielmehr um Praktiken und Entwicklungen, die aus Sicht der Verantwortlichen weitreichende Folgen für Grundrechte und gesellschaftliche Selbstbestimmung haben können.
Alexander Dobrindt wird zum Seriensieger
Am Freitag, 25. September hat die Hechelei im Ravensberger Park von Bielefeld einmal mehr den Schauplatz der Preisverleihung gestellt, die traditionell nicht unbedingt auf die persönliche Entgegennahme durch die Gewinner bauen darf. Eine seltene, aber ehrenwerte Ausnahme stellte Ingo Behrens, Präsident des Verwaltungsgerichts Hannover, im letzten Jahr dar, der sich der Kritik persönlich stellte und eigenen Standpunkten Gehör verschaffen durfte.
Apropos letztes Jahr: Prominenter Preisträger war damals Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, der für die Zusammenarbeit mit Clearview AI, PimEyes oder Palantir "gewürdigt" wurde. Auch am Freitag gab es in der Kategorie Behörden und Verwaltung offenbar kein Vorbeikommen am CDU-Politiker, der den Award erneut einstreichen konnte – diesmal im Rahmen der geplanten Steuer-ID.
Die kompletten Big Brother Awards 2026 aus Bielefeld können hier nachverfolgt werden:
Als Jury-Mitglieder und Laudatoren fungierten zur jüngsten Ausgabe Rena Tangens von Digitalcourage, die Rechtsanwältin Elisabeth Niekrenz, Frank Rosengart vom Chaos Computer Club, Dr. Thilo Weichert (Netzwerk Datenschutzexpertise), Politikwissenschaftler Ralf Bendrath und Teckids, eine auf Digitalrechte fokussierte Jugendorganisation.
Ihren Entscheidungen entspringen…
Alle Preisträger der Big Brother Awards 2026
Technik: Fielmann und Apollo Optik
Die beiden Optiker erhalten den Preis für den Vertrieb von Smart Glasses, insbesondere der Ray-Ban-/ Meta-Brillen. Die mit Kameras und Mikrofonen ausgestatteten Geräte können unauffällig Bilder und Töne aus der Umgebung aufnehmen und ins Internet übertragen. Nach Ansicht der Jury machen die beiden Optiker diese Technologie massentauglich und tragen so dazu bei, heimliches Filmen und Abhören im Alltag zu normalisieren.
Behörden und Verwaltung: Alexander Dobrindt
Der Bundesinnenminister bekommt seinen zweiten Preis in zwei Jahren für die Registermodernisierung und insbesondere die Verwendung der Steuer-ID als einheitliches Personenkennzeichen. Die Nummer soll künftig in staatlichen Registern verwendet werden und damit die eindeutige Zuordnung von Daten erleichtern. Die Jury sieht darin die Gefahr, dass Informationen aus bislang getrennten Lebensbereichen leichter zusammengeführt werden können – und damit umfassende Persönlichkeitsprofile entstehen.
Europa: Die EU-Kommission
Die Europäische Kommission gewinnt mit ihrem sogenannten Digitalen Omnibus: Das Gesetzespaket soll europäische Digitalregeln vereinfachen und Unternehmen von Bürokratie entlasten, die Jury allerdings kritisiert geplante Änderungen an der DSGVO und weiteren Digitalgesetzen. Sie befürchtet, dass Unternehmen personenbezogene Daten künftig umfangreicher verarbeiten könnten – etwa zum Training von KI-Systemen oder unter einer deutlich weiter gefassten Forschungsdefinition.

Anstelle der versammelten Gewinner: Verantwortliche und Helfer der Big Brother Awards am Freitagabend in Bielefeld (Bild: Inflac nach CC-BY 4.0)
Präventiv: Deutsche Telekom
Die Deutsche Telekom erhält einen ausdrücklich präventiv zu verstehenden Big Brother Award. Hintergrund sind Überlegungen zu einer Fusion mit der US-Tochter T-Mobile US: Nach Einschätzung der Jury könnte eine solche Konstruktion dazu führen, dass deutsche Telekommunikationsdaten stärker dem Zugriff amerikanischer Überwachungsgesetze unterliegen. Genannt werden insbesondere der FISA Act, der CLOUD Act und die Executive Order 12333. Der Preis soll auf dieses mögliche Szenario aufmerksam machen, bevor eine entsprechende Struktur geschaffen wird.
Zivilgesellschaft: Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland
Die Evangelische Nordkirche wird für ihr IT-Gesetz ausgezeichnet, mit dem die einheitliche Nutzung von Microsoft-365-Diensten in ihren Gemeinden vorangetrieben wird. Bis 2028 sollen diese schrittweise in die Microsoft-Cloud wechseln. Die Jury hält das angesichts der dort verarbeiteten sensiblen Informationen für problematisch – auch, weil es um Daten über religiöses und gesellschaftliches Engagement oder Inhalte aus Seelsorge und Beratung geht.
Jung und überwacht: Social-Media-Verbot für junge Menschen
Die Teckids-Gemeinschaft beschäftigt sich mit den Forderungen nach einem Social-Media-Verbot für junge Menschen und verpflichtenden Alterskontrollen, die auch Erwachsene zur ausführlicheren Preisgabe von personenbezogenen Daten zwingen würden. Die Kinder und Jugendlichen argumentieren, dass pauschale Verbote die eigentlichen Probleme kommerzieller Plattformen nicht lösen und plädieren statt digitaler Zugangssperren für sichere digitale Räume, oder mehr Medien- und Digitalkompetenz.
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