Ein KI-Agent, der E-Mails beantwortet, Reisen bucht, Apps bedient und andere Aufgaben erledigt: Wirklich interessant wird entsprechende Unterstützung im Alltag für viele Menschen erst, wenn sie sich dafür gar nicht mehr mit Bildschirmen herumschlagen müssen. Mit dem Muse Charm, einem unweigerlich an Tamagotchis erinnernden Begleiter, will Meta seinen neuesten Assistenten nun weiter von der Notwendigkeit eines Smartphones lösen.
Im kommenden Mai jährt sich die Veröffentlichung des Tamagotchi in Deutschland zum 30. Mal. Wer damals dabei war, wird sich bestens an den beispiellosen Hype erinnern, den die eiförmigen Elektrospielzeuge von Bandai seinerzeit ausgelöst haben: Das digitale Haustier, das gefüttert, bespaßt und anderweitig versorgt werden wollte, wurde insbesondere für junge Menschen zur aufdringlichen Lebensaufgabe – und mitunter für ihre Eltern, die nach Verboten im Schulbetrieb als Pflegekraft einspringen mussten.
Am Mittwoch wiederum wurde die diesjährige Ausgabe der Meta Connect eingeläutet, bei der das Unternehmen von Mark Zuckerberg neue Technologien, Tools oder Produktankündigungen präsentiert und sich damit sowohl an Entwickler als auch die Öffentlichkeit richtet.
Der Zusammenhang: Seit Zuckerbergs Keynote bei der jüngsten Meta Connect häufen sich Schlagzeilen rund um eine hauseigene Tamagotchi-Variante der derzeit achtwertvollsten Firma der Welt. Aber was steckt wirklich dahinter?
Die Grundlage: Meta Muse
Auf ganz grundsätzlicher Ebene: Muse. Nicht etwa die britische Rockband – die hat im Sommer jedoch bereits ihre bewährten Social-Media-Handles geändert, um dort den Weg für die gleichnamige Meta-Entwicklung freizumachen.
Diese wiederum ist ein zu Monatsbeginn vorgestellter KI-Agent, der nicht nur Fragen beantwortet, sondern Aufgaben eigenständig erledigt. Nutzer können ihm so zum Beispiel E-Mails, Reisebuchungen, Recherchen oder andere Vorhaben übertragen; auch länger laufende Ziele, für die Muse autark einen Aktionsplan entwickelt und abarbeitet, sollen möglich sein.
Dafür läuft Muse auf einer eigenen virtuellen Maschine mit Browser (einer isolierten "Muse Secure VM") und kann, abhängig von den erteilten Berechtigungen, auf verschiedene Anwendungen und Dienste zugreifen.
Auf der Connect wurde das Konzept nun erweitert: Muse erhält unter anderem eine eigene E-Mail-Adresse, zusätzliche Schnittstellen zu Diensten wie Shopify, Notion, GitHub oder Expedia und die Fähigkeit, auf dem Mac Apps zu bedienen.
Muse Charm: Daher der Tamagotchi-Vergleich
Der Grund für den derzeit vielgenutzten Tamagotchi-Vergleich liegt derweil im Muse Charm, dem auf der Meta Connect ebenfalls das Rampenlicht gebührte. Dabei handelt es sich um ein kleines, quadratisches Gerät mit einem rund zwei Zoll großen Touchscreen, an dessen Unterseite eine Schlaufe zum Tragen zu finden ist. Auf dem Display erscheint ein animierter Muse-Avatar, dessen Aussehen auf Wunsch angepasst werden kann.
Optisch ist Muse Charm damit tatsächlich irgendwo zwischen einem klobigen Smartwatch-Gehäuse und einem digitalen Haustier für den Schlüsselbund im Stile der späten 90er angesiedelt.
Die komplette Keynote der Meta Connect am 23. September; mit Muse Charm als Finale
Unter der Oberfläche steckt allerdings deutlich mehr als damals: Der Charm verfügt über einen Fingerabdrucksensor, über den sich die Interaktion mit Muse unmittelbar starten lässt, mehrere Mikrofone für die Sprachkommunikation sowie Kameras auf der Vorder- und Rückseite.
Letztere dienen vor allem dazu, Muse visuelle Informationen aus der Umgebung zugänglich zu machen – der Nutzer kann dem Agenten also nicht nur etwas erzählen, sondern ihm direkt zeigen, worum es gerade geht. Hinzu kommt ein eigenes 5G-Modem, sodass das Gerät für die Verbindung zu Metas KI nicht zwingend auf ein Smartphone oder WLAN angewiesen ist.
Die KI wandert weiter
Das passt dazu, dass Meta den Charm nicht einfach als weiteres Zubehör für das Smartphone verstanden wissen will. Das Unternehmen versucht vielmehr, die komplette Interaktion mit Muse vom bewährten Gefährten zu lösen und sie in ein eigenständiges, stets verfügbares Gerät zu überführen. Der Charm soll abseits der ebenfalls unterstützten Meta Glasses der schnellste Weg sein, um mit Muse in Kontakt zu treten.
Mark Zuckerberg demonstrierte auf der Connect, wie ein Druck auf den Sensor genügt, um direkt mit Muse zu sprechen – ohne vorher das Smartphone entsperren und eine App öffnen zu müssen. Parallel zu Wearables bezeichnet Meta den Charm entsprechend als Holdable: Er soll nicht unbedingt am Körper getragen werden wie eine Uhr, sondern in der Tasche verschwinden, am Schlüsselbund hängen oder einfach in der Hand liegen.
Muse Charm (Bild: Meta)
All das klingt zunächst nach einer ziemlich bequemen Umkehrung des Tamagotchi-Prinzips: Während das digitale Haustier ständige Aufmerksamkeit und Pflege erfordert hat, will sich Muse Charm maßgeschneidert um seinen Benutzer kümmern. Wie das in der alltäglichen Praxis tatsächlich funktioniert, ist logischerweise die Frage, mit der die neue Meta-Entwicklung steht oder fällt.
Während KI-fokussierte Präsentationen zuverlässig ganzheitliche Erleichterung und Zeitersparnis versprechen, sind beim Normalverbraucher oft weiterhin viele Prompt-Schleifen notwendig, bis aus einer Idee eine brauchbare Lösung wird – nur, dass man beim Muse Charm mutmaßlich seine Handinnenfläche anbrüllt, statt ChatGPT mit Feststelltaste zurechtzuweisen.
Auch die Diskussion, ob wir uns zur Unselbstständigkeit und Abhängigkeit von KI erziehen (lassen), würde mit einem erfolgreichen Launch von Muse Charm nähen Nährstoff erhalten. Bis es soweit ist, vergeht zumindest hierzulande allerdings noch eine nicht näher absehbare Zeit: Bislang legt sich Meta lediglich darauf fest, dass der handliche KI-Begleiter in den USA rechtzeitig zu den Feiertagen im Dezember ausgeliefert werden soll.
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