Palantir gehört zu den mächtigsten und zugleich umstrittensten Softwarekonzernen der Welt. Die Plattformen des US-Unternehmens verbinden riesige Datenbestände, erkennen darin Beziehungen und Muster und unterstützen Behörden, Streitkräfte und Unternehmen bei operativen Entscheidungen. Zum Einsatz kommen sie unter anderem bei Nachrichtendiensten, Polizeibehörden, Militärs, Krankenhäusern und Industriekonzernen.
Europäische Akteure stellen zunehmend in Frage, ob sie ihre sensibelsten Daten und sicherheitsrelevanten Prozesse dauerhaft einem amerikanischen Anbieter anvertrauen wollen. Nicht nur aus datenschutzrechtlicher Sicht, sondern auch ob technologischer Abhängigkeiten, hohen Wechselkosten und politischen Risiken, sollte Washington den Zugang zu bestimmten Technologien eines Tages einschränken.
Eine europäische Kopie von Palantir, die sämtliche Funktionen des US-Konzerns abdeckt, existiert bislang nicht. Wohl aber ein Netzwerk spezialisierter Anbieter: Manche entwickeln Plattformen für Geheimdienste und Ermittler, andere konzentrieren sich auf militärische Lagebilder, Missionsplanung oder autonome Systeme. Hier sechs der relevantesten Mitspieler:
1. ChapsVision: Der direkteste europäische Konkurrent
Am nächsten kommt Palantir derzeit das französische Unternehmen ChapsVision. Seine Plattform ArgonOS kann große Mengen strukturierter und unstrukturierter Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, durchsuchen und analysieren. Sie richtet sich sowohl an staatliche Institutionen als auch an Unternehmen, die mit besonders sensiblen Informationen arbeiten.
Wie ernst das Land Frankreich die technologische Unabhängigkeit nimmt, zeigt die Entscheidung des Inlandsgeheimdienstes DGSI: Er hat ChapsVision ausgewählt, um Palantir langfristig abzulösen. Vollzogen ist der Wechsel allerdings noch nicht. Palantirs Ende 2025 erneuerter Vertrag bleibt zunächst bestehen, während die französische Lösung schrittweise integriert wird. Der Übergang dürfte mehrere Jahre dauern.
Auch das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz setzt Recherchen von NDR und WDR zufolge auf Software von ChapsVision. Einzelheiten sind wegen der Geheimhaltung nicht öffentlich. Das französische Unternehmen arbeitet in Deutschland mit Rola Security Solutions zusammen.
2. DataWalk: Der polnische Spezialist für Ermittlungen
DataWalk aus Breslau hat eine Graph- und KI-Plattform entwickelt, die Informationen aus unterschiedlichen Datenbanken miteinander verbindet. Dadurch lassen sich Beziehungen zwischen Personen, Unternehmen, Konten, Transaktionen und Ereignissen erkennen, die bei einer isolierten Betrachtung verborgen bleiben würden.
Zu den Anwendungsgebieten zählen Ermittlungen, nationale Sicherheit, Geldwäschebekämpfung und Betrugserkennung. Die Plattform richtet sich an Polizeibehörden, Nachrichtendienste, Banken, Versicherer und andere Organisationen mit großen, fragmentierten Datenbeständen.
DataWalk kommt damit bestimmten Funktionen von Palantir Gotham nahe, jener Plattform, die vor allem von Sicherheitsbehörden und Streitkräften verwendet wird. Das Unternehmen ist in Polen ansässig und an der Warschauer Börse notiert, unterhält aber auch eine Tochtergesellschaft in den USA und arbeitet international mit staatlichen Stellen und Finanzinstituten.
3. Rola Security Solutions: Sicherheitssoftware aus Deutschland
Auch Deutschland verfügt über einen spezialisierten Anbieter: Rola Security Solutions entwickelt seit Jahren Software für Polizei, Militär, Nachrichtendienste, Finanzbehörden und Cyberabwehr.
Das Herzstück des Portfolios ist das Framework rsFrame. Darauf basieren Anwendungen für Massendatenanalyse, Fallbearbeitung, Wissensmanagement, Finanzermittlungen, Bild- und Videoanalyse sowie die Erstellung dynamischer Lagebilder. Die Systeme sollen große Datenmengen strukturieren und Ermittlern helfen, komplexe Zusammenhänge schneller zu erkennen.
Seit 2025 arbeitet Rola mit ChapsVision zusammen. Die beiden Unternehmen wollen die französische Plattform ArgonOS mit deutschen Fachanwendungen und Erfahrungen aus der Arbeit für Sicherheitsbehörden verbinden.
Damit entsteht eine deutsch-französische Lösung: ChapsVision liefert die übergreifende Daten- und Analyseplattform, Rola die Integration und spezialisierte Anwendungen für deutsche Behörden. Die Zusammenarbeit zielt ausdrücklich darauf, eine europäische Alternative zu außereuropäischen Anbietern aufzubauen.
4. Thales: Souveräne Software für militärische Führung
Beim französischen Rüstungskonzern Thales steht nicht die klassische Ermittlungsarbeit im Mittelpunkt, sondern die militärische Führung. Mit HexaForce hat das Unternehmen ein KI-gestütztes Command-and-Control-System entwickelt, das Daten aus verschiedenen militärischen Quellen zu einem gemeinsamen Lagebild verbinden soll.
Die Software soll Kommandeure dabei unterstützen, Informationen aus Sensoren, Aufklärungssystemen und anderen Plattformen schneller auszuwerten. Thales hebt hervor, dass HexaForce auf offenen Standards basiert und ohne amerikanische ITAR-Exportkontrollen eingesetzt werden kann.
Der Kontext ist eindeutig: Die NATO hatte sich für Palantirs Maven Smart System für Anwendungen in ihren Hauptquartieren entschieden. Daraufhin rückte die Frage stärker in den Mittelpunkt, ob Europa bei militärischer Datenanalyse und KI dauerhaft von amerikanischen Anbietern abhängig sein sollte.
Thales bezeichnet HexaForce zwar nicht ausdrücklich als umfassenden Palantir-Ersatz. Reuters ordnet die Plattform jedoch klar in den entstehenden Wettbewerb um souveräne europäische Führungssoftware ein.
5. Comand AI: KI für den digitalen Gefechtsstand
Comand AI ist ein in Paris ansässiges Defence-Tech-Unternehmen mit einem weiteren Standort in London. Seine Plattform Prevail soll militärische Planungs- und Führungsprozesse beschleunigen.
Dafür setzt das Unternehmen auf spezialisierte KI-Agenten, die etwa bei der Missionsanalyse, der Bewertung möglicher Vorgehensweisen und der Erstellung militärischer Lagebilder helfen. Nach Angaben von Comand AI wurde Prevail bereits bei Einheiten in Frankreich, Deutschland, der Ukraine und weiteren verbündeten Staaten eingesetzt. 2026 beteiligte sich der schwedische Rüstungskonzern Saab mit zehn Prozent an dem Unternehmen. Zudem arbeitet Comand AI mit Airbus Defence and Space an europäischen KI-Lösungen für militärische Führungs- und Entscheidungssysteme.
Comand AI deckt nur einen Teil des Palantir-Spektrums ab. In der militärischen Missionsplanung und bei KI-gestützten Entscheidungen entwickelt sich das Unternehmen jedoch zu einem relevanten europäischen Wettbewerber.
6. Helsing: Europas Schwergewicht für militärische KI
Helsing wurde 2021 gegründet und hat seinen Sitz in München. Das Unternehmen begann mit Software, die große Mengen an Sensor- und Gefechtsfelddaten analysiert. Inzwischen entwickelt Helsing auch autonome Drohnen, Unterwasserfahrzeuge und Systeme für militärische Flugzeuge.
Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell deutlich von Palantir. Helsing baut nicht primär eine universelle Datenplattform für Behörden und Konzerne, sondern verbindet KI-Software zunehmend mit eigenen militärischen Systemen. Überschneidungen gibt es dennoch bei der Auswertung von Sensordaten, bei Lagebildern und softwaregestützten Entscheidungen.
Nach einer Finanzierungsrunde über 1,8 Milliarden Dollar wurde Helsing im Sommer 2026 mit rund 18 Milliarden Dollar bewertet. Damit gehört das Unternehmen zu den am höchsten bewerteten Defence-Tech-Firmen Europas. Zu den Geldgebern zählen allerdings auch große amerikanische Finanz- und Wagniskapitalgesellschaften. Jedoch bleibt Helsing nach eigenen Angaben mehrheitlich in europäischer Hand.
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