Autonome Logistik
Lidl schickt erstmals fahrerlosen E-Lkw auf deutsche Straßen

Lidl testet in Deutschland erstmals einen kabinenlosen Elektro-Lkw mit autonomer Fahrfunktion für die Belieferung einer Filiale. Gemeinsam mit dem schwedischen Technologieunternehmen Einride bringt der Discounter das Fahrzeug im Raum Kassel auf öffentliche Straßen. Der Test soll zeigen, ob sich autonome Transporte künftig in größerem Maßstab in die Handelslogistik integrieren lassen.

Der Lebensmitteleinzelhändler Lidl startet einen Praxistest mit einem autonomen Elektro-Lkw. Das Fahrzeug wird im hessischen Edermünde bei Kassel eingesetzt und transportiert Waren von einem Warenverteilzentrum zu einer nahegelegenen Lidl-Filiale. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um den ersten Einsatz eines kabinenlosen E-Lkw mit autonomer Fahrfunktion durch einen deutschen Lebensmitteleinzelhändler im Realbetrieb auf öffentlichen Straßen.

Technologiepartner des Projekts ist das schwedische Unternehmen Einride. Der eingesetzte Lkw fährt auf SAE-Level 4 und verfügt über eine entsprechende Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamtes. Level 4 bedeutet, dass ein Fahrzeug innerhalb festgelegter Einsatzbedingungen die Fahraufgabe selbstständig übernehmen kann. Dass autonomes Fahren auf deutschen Straßen zunehmend in die praktische Erprobung geht, zeigt auch die Entwicklung rund um fahrerlose Mobilitätsangebote in Berlin.

Mehr als 3.000 Paletten im Testbetrieb

Bei dem Projekt geht es nicht lediglich um einzelne Demonstrationsfahrten. Der autonome Lkw wird in die regulären Logistikabläufe eingebunden und übernimmt Transportvolumen bei der Filialbelieferung.

Das Fahrzeug verfügt über 15 Stellplätze für Europaletten und soll die Strecke bis zu dreimal täglich zurücklegen. Während des zunächst auf vier Monate angelegten Projekts können damit laut Lidl mehr als 3.000 Paletten transportiert werden. Auf der ausgewählten Route soll der Lkw die Belieferung mit Trockensortiment vollständig übernehmen.

Für den Handelskonzern dürfte dabei vor allem die Frage interessant sein, ob sich autonome Fahrzeuge langfristig wirtschaftlich in bestehende Lieferketten integrieren lassen. Die Logistik des Lebensmitteleinzelhandels zeichnet sich durch hohe Warenvolumina und eng getaktete Lieferprozesse aus. Gleichzeitig steht die Transportbranche seit Jahren vor Herausforderungen bei der Gewinnung von Fahrpersonal. Die Automatisierung der Logistik gewinnt deshalb für Handelsunternehmen zunehmend an Bedeutung.

Lidl prüft bereits eine Ausweitung

Der aktuelle Einsatz ist zunächst räumlich begrenzt. Bei erfolgreichem Verlauf könnte das Konzept jedoch ausgeweitet werden.

Lidl betreibt nach eigenen Angaben in Deutschland 39 Verwaltungs- und Warenverteilzentren und mehr als 3.250 Filialen. Nach der Validierung der ersten Strecke ist in einer zweiten Projektphase ein sogenanntes "Milkrun“-Modell an einem weiteren Standort vorgesehen. Dabei würde das Fahrzeug nicht nur zwischen zwei Punkten pendeln, sondern mehrere Stopps auf einer Route bedienen.

"Wir testen einen technologischen Meilenstein schrittweise und sicher im Realbetrieb, um zu prüfen, wie sich zukunftsfähige Lösungen optimal in unsere Logistik integrieren lassen“, erklärt Thomas Dangelmayer, Leitung Operative Logistik bei Lidl in Deutschland.

Deutschland als wichtiger Markt für autonome Lkw

Für Einride hat der Versuch ebenfalls strategische Bedeutung. Das 2016 in Stockholm gegründete Technologieunternehmen entwickelt Lösungen für elektrische und autonome Gütertransporte und ist bereits in Nordamerika, Europa und im Nahen Osten aktiv.

CEO Roozbeh Charli bezeichnet Deutschland als einen der Schlüsselmärkte des Unternehmens. Einride führe bereits autonome Lieferungen mit realen Transportvolumina für Kunden in den USA und Europa durch. Die Zulassung in Deutschland sei aufgrund der regulatorischen Anforderungen zugleich ein wichtiger Schritt für eine mögliche Skalierung der Technologie.

Damit wird der Test in Edermünde auch zu einem Praxistest für eine größere Frage: ob autonome Nutzfahrzeuge künftig nicht nur in Pilotprojekten, sondern im täglichen Warenverkehr des deutschen Handels eine relevante Rolle übernehmen können.

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