Die Einsatzleiterin von Sea-Watch im Interview
Mattea Weihe: "Für mich ist es nicht normal, dass Menschen im Mittelmeer sterben"

| Redaktion 
| 11.06.2026

Wenn Mattea Weihe auf dem zentralen Mittelmeer im Einsatz ist, entscheidet oft jede Minute über Leben und Tod. Die Sea-Watch-Einsatzleiterin erlebt hautnah, was hinter den nüchternen Zahlen europäischer Migrationspolitik steckt: überfüllte Schlauchboote, traumatisierte Menschen und Entscheidungen, die niemand treffen möchte. Im Interview mit LEADERSNET spricht sie über die Grenzen von Verantwortung und die Gefahr gesellschaftlicher Abstumpfung.

LEADERSNET: Sie entscheiden, welches Boot angesteuert wird — und welches nicht. Das Mittelmeer ist seit 2014 die tödlichste Seegrenze der Welt; allein 2025 kamen laut IOM mindestens 2.185 Menschen ums Leben. Wie treffen Sie diese Entscheidung? Gibt es ein Protokoll — oder ist das letztlich immer auch ein moralisches Urteil?

Mattea Weihe: Mit dieser Entscheidung konfrontiert zu sein, gehört zu den schwersten Situationen, die man sich vorstellen kann. Es ist jedoch so, dass ein Rettungsschiff eine begrenzte Rettungskapazität hat – und wenn diese erreicht ist, wird das Gebiet entsprechend verlassen. Trotzdem gibt es Momente, in denen der Kapitän und die Einsatzleitung genau mit dieser Entscheidung konfrontiert wird. Dann muss man sehr genau abwägen, aus welchen Gründen man welche Entscheidung trifft. Natürlich gibt es dafür klare Protokolle. Dabei spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Einerseits geht es um die grundsätzliche Rettungskapazität des Schiffes: Wie viele Menschen können wir noch sicher aufnehmen? Andererseits geht es ganz klar auch um die Sicherheit der Crew.

LEADERSNET: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ein Boot entdecken und wissen: Sie werden nicht alle retten können?

Mattea Weihe: Der Moment, das erste Mal auf einen Seenotrettungsfall zu treffen, gehört zu den heikelsten überhaupt. Denn in der Regel ist zunächst vieles unklar. Man weiß nicht genau, wie viele Menschen an Bord sind, in welchem Zustand sie sich befinden oder auch, wie stabil das Boot überhaupt noch ist. Wenn man sich einem Seenotrettungsfall nähert, kann man auf den ersten Blick oft nur sehr wenig erkennen. Viele Informationen bekommt man erst, wenn man tatsächlich mit den Menschen in direkten Kontakt kommt. Entsprechend muss man vor Ort sehr schnell entscheiden, wie man mit der Situation am besten umgeht.

Dafür gibt es zahlreiche Protokolle und sogenannte Standard Operational Procedures. Sie geben sehr klar vor, welche Manöver die Rettungsboote fahren, wie mit geretteten Menschen umgegangen wird, wie man auf sinkende Boote reagiert und auch, was zu tun ist, wenn sich bereits Menschen im Wasser befinden. Wir trainieren lange und intensiv für genau solche Einsätze. Ziel ist immer, im entscheidenden Moment bestmöglich handeln zu können, auch in besonders schwierigen Situationen, etwa wenn bereits viele Menschen im Wasser sind. Dann geht es darum, so viele wie möglich noch sicher retten zu können.

Trotzdem bleibt jede Rettung auch ein Wagnis. Man weiß nie genau, in welchem Zustand sich ein Boot befindet und wie der Einsatz letztlich ausgehen wird. Ich persönlich gehe immer mit der Haltung hinein, dass wir alle retten werden. Dass wir unser Bestes tun. Genau dafür trainieren wir so hart und so intensiv.

LEADERSNET: Sie tragen als Einsatzleiterin Verantwortung für Crew und Gerettete zugleich. Gibt es Momente, in denen sich diese Verantwortung widerspricht? Wie entscheiden Sie dann, was Priorität hat?

Mattea Weihe: In der Schifffahrt ist es so, dass der Kapitän die Verantwortung für die Crew und für die Geretteten an Bord trägt. Dabei unterstütze ich ihn als Einsatzleitung. Das ist eine enorme Verantwortung. Und für uns ist es selbstverständlich, dieser Verantwortung auch gerecht zu werden.

Ganz konkret bedeutet das zuerst einmal, die eigene Crew zu schützen. Denn eine Crew, die selbst an ihre Grenzen gerät, kann kein Schiff steuern, das Menschen aus Seenot rettet. Genauso wichtig ist deshalb auch der Zustand des Schiffes. Es muss jederzeit einsatzbereit und verlässlich funktionieren, damit Rettungseinsätze möglichst ruhig und professionell durchgeführt werden können. Diese Verantwortung gilt natürlich genauso für die Menschen, die wir retten. In der Zeit, in der sie bei uns an Bord sind, tragen wir die Verantwortung für sie. Wir wollen ihnen zumindest für einen kurzen Moment die Möglichkeit geben, durchzuatmen, sich auszuruhen und sich nicht mehr unmittelbar in Lebensgefahr zu fühlen.

Diese Verantwortung hängt immer zusammen. Nur mit einer belastbaren Crew können wir gute Rettungseinsätze durchführen. Und nur wenn das Zusammenspiel an Bord funktioniert, können wir den Menschen den Schutz und die Unterstützung geben, die sie in diesem Moment brauchen.

LEADERSNET: Sie sprechen von Verantwortung als etwas, das sich nicht delegieren lässt — man muss es spüren, um es zu tragen. War es bei Ihnen ein konkreter Moment, der Sie zur Seenotrettung gebracht hat, oder eher ein schleichender Prozess, bei dem das Wegsehen irgendwann aufgehört hat?

Mattea Weihe: Das war Weihnachten 2016. Damals habe ich von einem Familienmitglied ein Buch geschenkt bekommen, das die Geschichte von zwei Menschen erzählt, die über das zentrale Mittelmeer aus Syrien geflohen sind. Dieses Buch hat mich extrem bewegt. Nachdem ich es gelesen hatte, habe ich es gegen die Wand geworfen und nur gedacht: So kann es nicht weitergehen. Da ich zu der Zeit Arabisch studiert habe und mich gut auf Arabisch verständigen konnte, habe ich mich entschieden, das erste Mal als kulturelle Mediatorin an Bord zu gehen. 2017 war dann mein erster Einsatz.

Die Zeit bei Sea-Watch und auf dem zentralen Mittelmeer hat mir immer deutlicher gezeigt, wie notwendig zivile Seenotrettung ist, aber auch, wie wichtig politische Arbeit in diesem Bereich und eine klare Haltung gegen die europäische Abschottungs- und Migrationspolitik sind. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Situation auf dem Mittelmeer tatsächlich aussieht. Und dadurch immer mehr verstanden, wie wichtig diese Arbeit ist. Und wie wichtig es für mich war, sie zu machen.

LEADERSNET: Auf See gibt es keine zweite Chance – Entscheidungen sind endgültig. Entwickelt man mit der Zeit eine Art professionelle Distanz, oder bleibt jede Rettung emotional gleich intensiv?

Mattea Weihe: Das, was auf dem Mittelmeer passiert, hat sich immer weiter verschlimmert. Die Situation ist über die Jahre schlechter geworden. Damals, als ich das erste Mal an Bord eines Seenotrettungsschiffes gegangen bin, wurden wir noch von den Medien gefeiert. Wir wurden begrüßt, die Geretteten wurden mit offenen Armen empfangen. Das politische Klima war ein ganz anderes. Heute ist es so, dass wir uns an das Sterben im Mittelmeer gewöhnt haben - nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik. Es wirkt mittlerweile wie eine Normalität, wie ein Preis, den Europa für seine Abschottungspolitik bereit ist zu zahlen.

Für mich persönlich ist das immer ein schmaler Grat: zwischen dieser gesellschaftlichen und politischen Normalisierung und der Frage, wie sehr auch ich mich daran gewöhne. Denn für mich ist es nicht normal, dass Menschen im Mittelmeer sterben. Für mich wird es niemals normal sein, dass Rettung kriminalisiert wird. Und für mich ist es nicht normal, dass einige Menschen sicher mit einer Fähre das zentrale Mittelmeer überqueren, während andere auf derselben Strecke um ihr Leben bangen, um irgendwo in Sicherheit zu kommen.

Diese Normalisierung, die natürlich auch bei mir selbst eintreten kann, ist gefährlich. Deshalb muss man sich immer wieder bewusst machen, was dort tatsächlich passiert - und dass das, was im Mittelmeer geschieht, nicht normal ist.

LEADERSNET: Diese Normalisierung, die Sie beschreiben — sie betrifft nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Geschichten hinter den Zahlen. Viele Gerettete berichten von extremer Gewalt, Folter oder Erpressung auf ihrem Weg nach Europa. Gibt es Begegnungen oder Schicksale, die Sie bis heute nicht loslassen?

Mattea Weihe: Die Geschichten der Menschen, denen man auf dem zentralen Mittelmeer begegnet, sind zahllos. Geschichten von Menschen, die Folterspuren tragen - körperlich, aber auch seelisch. Wunden, die so tief gehen, dass wir sie wahrscheinlich niemals wirklich nachvollziehen oder verstehen können. Ich erinnere mich an viele Menschen, die an Bord gekommen sind und kaum gesprochen haben. Sie kamen ins Bordkrankenhaus, trugen Verletzungen und Traumata in sich, die für mich vorher schlicht unvorstellbar waren.

Es gibt einen Rettungseinsatz ganz am Anfang meiner Zeit auf See, an den ich mich bis heute erinnere. Drei junge Männer waren bei uns an Bord. Sie waren sehr still. Erst später, in Gesprächen mit ihnen, haben sie erzählt, dass zwei ihrer Freunde auf der Überfahrt im Mittelmeer ertrunken sind. Sie hatten es nicht geschafft, sich am Schlauchboot festzuhalten. Sie konnten sich nicht über Wasser halten und sind letztlich ertrunken.

Aber ich erinnere mich auch an andere Geschichten. An eine junge Familie, die vor mir stand, mich anschaute und sagte, das sei der schönste Tag ihres Lebens. Endlich hätten sie das Gefühl von Sicherheit. Endlich hätten sie es geschafft, aus ihrer Situation auszubrechen. Dieses Strahlen in ihren Gesichtern, diese Freude und dieses ehrliche Glück, das sind genauso die Geschichten, die bei mir bleiben. Die Geschichten, die wichtig sind. Und die es wert sind, erzählt zu werden.

LEADERSNET: Wenn Sie einen Wunsch an die europäische Politik frei hätten – gestützt auf Ihre Erfahrungen und die konkreten Zahlen und Schicksale, die Sie gesehen haben – was müsste sich sofort ändern?

Mattea Weihe: Europa nimmt bewusst in Kauf, dass Menschen im Mittelmeer sterben. Der Tod von Menschen ist der Preis, den Europa für seine Abschottungspolitik zu zahlen bereit ist. Für mich hat das nichts mit der Idee eines Europas zu tun, das für Gemeinschaft, Weltoffenheit und ein gemeinsames Miteinander steht.

Es ist doch klar: Menschen fliehen - und Menschen werden immer fliehen. Gleichzeitig tragen wir auch Verantwortung dafür, dass vielen Menschen überhaupt erst die Lebensgrundlage entzogen wird und sie ihre Heimat verlassen müssen. Und sobald sie genau das tun, verschließt Europa die Türen mit Gewalt. Gerade auch in Deutschland erleben wir momentan, dass legale Möglichkeiten zur Einreise immer weiter eingeschränkt werden. Politische Entscheidungen scheinen vor allem ein Ziel zu haben: dafür zu sorgen, dass Menschen ohne deutschen oder europäischen Pass möglichst nicht nach Deutschland kommen. Und wenn sie es doch geschafft haben, wird versucht, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

Anstatt sich ständig damit zu beschäftigen, wie man Menschenrechte mit Füßen tritt, sollte sich die deutsche Politik endlich darum kümmern, sichere und legale Fluchtwege zu schaffen. Denn niemand sollte auf dem Weg in Sicherheit sein Leben riskieren müssen.

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