Die Branche ist nervös. Weniger wegen der Gästeliste – die ist wie immer prominent besetzt. Sondern weil sich etwas verschiebt. Wenn morgen die ersten Besucher durch die Hallen strömen, geht es nicht um Inspiration für die nächste Kampagne. Es geht um Kontrolle. Um Daten. Und um die leise Ahnung, dass die Spielregeln gerade neu geschrieben werden.
KI verändert das Geschäft – und zwar jetzt
Was früher als Buzzword durch Panels geisterte, ist heute Alltag – oder zumindest auf dem besten Weg dorthin. Künstliche Intelligenz entscheidet längst mit: welche Produkte angezeigt werden, welche Inhalte performen, welche Kampagne ausgespielt wird.
Auf der OMR wird daraus kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern konkrete Realität. Wenn Petra Scharner-Wolff von der Otto Group und Philipp Justus von Google über "Agentic Commerce" sprechen, geht es um Systeme, die nicht mehr nur empfehlen, sondern handeln. Einkaufen lassen, statt einkaufen.
Für Händler ist das eine unbequeme Vorstellung. Wer steuert künftig die Beziehung zum Kunden – der Shop oder der Algorithmus?
Auch im Finanzbereich zeigt sich die Dynamik. Antoine Le Nel (Revolut) beschreibt ein Wachstum, das zunehmend über Plattformintegration, Daten und Partnerschaften funktioniert – klassische Produktvorteile treten in den Hintergrund.
Plattformen werden zur Infrastruktur der Wirtschaft
Google, Meta, Amazon – sie sind längst keine reinen Anbieter mehr, sondern Infrastruktur. Und genau das wird auf der OMR greifbar.
KI verstärkt diesen Effekt. Sie sitzt nicht mehr obendrauf, sondern im Kern der Systeme. Wer Reichweite will, muss durch diese Systeme hindurch. Wer Daten will, ebenso.
Kein Wunder also, dass auch Medienhäuser ihre Rolle neu definieren. Axel Springer wird das auf dem Festival entsprechend sichtbar machen. Der eigene Square in Halle A1 dürfte dabei weniger wie ein klassischer Messestand wirken – und mehr wie ein klares Signal: Wir spielen mit.
Auf der BILD Stage werden politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen aufeinandertreffen. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger wird über den Stand der Digitalisierung sprechen, Verena Pausder die Zukunft des Standorts Deutschland einordnen. Dazwischen: Live-Podcasts, Talks und spontane Begegnungen – und ein Publikum, das genau diese Mischung sucht.
Zwischen Aufbruch und Ratlosigkeit
So viel Dynamik erzeugt auch Reibung. Und die wird auf der OMR durchaus sichtbar. Wenn Journalist:innen der New York Times über Elon Musk sprechen oder Google DeepMind die Grenzen von KI adressiert, geht es nicht nur um Fortschritt, sondern auch um Kontrollverlust. Um Systeme, die schneller lernen, als wir sie regulieren können. Viele Geschäftsmodelle wirken derzeit wie Baustellen im laufenden Betrieb. Funktioniert das schon? Rechnet sich das? Oder ist es nur der nächste Hype? Die ehrliche Antwort: oft noch unklar.
Messe, aber anders
Wer morgen durch die Hallen geht, dürfte schnell merken: Das hier ist keine klassische Messe mehr. Amazon Ads zeigt keine Visionen, sondern konkrete Tools. SAP spricht nicht über Transformation, sondern demonstriert sie. Adobe lässt KI nicht erklären, sondern ausprobieren.
Auch an weniger offensichtlichen Stellen zeigt sich, wie stark sich Marketing verändert. Das Berliner Unternehmen EightSix etwa entwickelt sogenannte Sonic Systems – Strategien und Technologien, die Markenklang messbar und steuerbar machen sollen. Für Siemens Hausgeräte entstand so eine modulare Klangarchitektur, die definiert, wie eine Marke über Kampagnen, Social Media oder Voice Assistants hinweg klingt.
Und dann steht da plötzlich ein Porsche, irgendwo fährt ein Autoscooter, HBO Max bringt einen „Dragon Ride“ auf das Gelände. Es ist diese Mischung aus Business und Erlebnis, die das OMR Festival so eigen macht – irgendwo zwischen Fachmesse und Festival.
Prominenz wird Teil der Strategie
Und ja, natürlich sind sie da: Heidi Klum, Tom Brady – Namen, die man eher auf roten Teppichen erwartet als auf Marketingbühnen. Aber genau das ist der Punkt. Aufmerksamkeit ist zur härtesten Währung geworden.
Das war auch in den vergangenen Jahren schon so. Ob Kim Kardashian, Ryan Reynolds, Ashton Kutcher, Quentin Tarantino, Rick Rubin oder Dirk Nowitzki – sie alle standen hier auf der Bühne. Nicht, weil sie Media-Budgets optimieren können. Sondern weil sie Menschen anziehen. Und weil sie etwas verkörpern, das vielen Marken fehlt: kulturelle Relevanz.
Die Grenze zwischen Business und Entertainment? Gibt es hier schon lange nicht mehr.
Zwei Tage, die man nicht planen kann – aber muss
Sechs Bühnen, hunderte Masterclasses, unzählige Side-Events – wer planlos kommt, geht mit weniger raus, als möglich wäre. Die OMR ist ein Paradox: total durchorganisiert und gleichzeitig völlig überwältigend.
Ein Blick ins Programm zeigt, wie breit die Themen gesetzt sind – und wie dicht die Taktung ist. Auf der Conference Stage reicht das Spektrum von politischen Standortfragen bis zu globalen Tech-Analysen, während auf der HBO Max Stage Plattformstrategien, E-Commerce und Medienwandel im Fokus stehen.
Parallel dazu vertiefen Blue, Purple und Yellow Stage zentrale Entwicklungen – von Creator Economy über KI im Marketing bis hin zu neuen Commerce-Modellen.
Gerade diese Parallelität macht den Charakter des Festivals aus: Wer sich für eine Session entscheidet, verpasst zwangsläufig eine andere. Zwischen Keynote und Kaffee entsteht oft der eigentliche Mehrwert – oder eben nicht. Die App hilft. Ein Plan auch.
Und jetzt?
Morgen geht es los. Die Hallen sind bereit, die Speaker auch. Die Branche sowieso. Wer sich vorab ein Bild machen möchte: Impressionen vom OMR Festival 2025 gibt es hier.
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