LEADERSNET: Die aktuelle Staffel von "Die Höhle der Löwen“ läuft gerade im Fernsehen, und viele Gründer:innen nutzen die Bühne der Sendung, um Investoren von ihrer Idee zu überzeugen. Was macht für Sie persönlich den perfekten Pitch aus?
Janna Ensthaler: Für mich beginnt ein guter Pitch immer mit einem echten Problem – und einer Lösung, die sofort verständlich ist. Außerdem muss das Team glaubwürdig wirken und wirklich leidenschaftlich hinter seiner Idee stehen. Ohne Leidenschaft und echte Überzeugung wird es langfristig einfach zu schwer.
LEADERSNET: Vorbereitung ist entscheidend, wenn Gründer:innen vor Investoren sprechen. Welche Rolle spielen für Sie Zahlen, Daten und Fakten in einem Pitch?
Janna Ensthaler: Sie sind extrem wichtig. Gleichzeitig versuche ich immer zu verstehen, wenn jemand noch nicht alles perfekt vorbereitet hat. In meiner ersten Gründung war ich selbst nicht perfekt. Wenn mir damals niemand gesagt hätte: "Dies und das hättest du besser machen können“, hätte ich vielleicht nie eine Chance bekommen. Natürlich ist der ideale Rat, die Zahlen von Anfang an parat zu haben – und die eigene Überzeugung klar zu vermitteln.
LEADERSNET: Sie sind selbst mehrfache Gründerin und beobachten als Investorin sehr genau, wo neue Märkte entstehen. Wenn Sie heute noch einmal gründen würden – welche Branchen würden Sie besonders spannend finden?
Janna Ensthaler: Das ändert sich bei mir ungefähr alle sechs Monate, weil sich die Welt so schnell weiterdreht. Aber aktuell würde ich ganz klar im KI-Bereich gründen – vor allem dort, wo bestehende Softwaremodelle disruptiert werden können.
LEADERSNET: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Janna Ensthaler: Wer baut das nächste Asana zu einem günstigeren Preis? Viele Software-Tools haben unglaublich viel aufgebaut, aber ihre Preisstrukturen werden schwer zu halten sein. Da gibt es enorme Disruptionsmöglichkeiten. Der zweite Bereich ist Energie. Alles, was Energie günstiger und effizienter macht, ist extrem wichtig – auch als Grundlage für die KI-Revolution. Beim Goldrausch hat man am besten verdient, wenn man die Schaufeln verkauft hat. Die "Schaufeln“ im aktuellen KI-Boom sind Energie und Infrastruktur, z. B. wie Nvidia. Bei allen Grundlagen, um mit KI dominieren zu können, sind wir in Europa schwach aufgestellt. Wirtschaftsfeindliche und selbstverschuldet hohe Energiepreise, weniger Geschwindigkeit im Datacenter-Aufbau und zu wenig relevante Large Language Modelle bringen uns in eine Abhängigkeit von z. B. den USA oder auch China. Der dritte Bereich ist die Verbindung von KI und Hardware. Deutschland ist traditionell stark bei Industrieprodukten. Im sogenannten "Dual Use“ (Defense, Drohnen), in Robotics oder bei großen Industrieanlagen gibt es enorme Chancen. Viele dieser Hardwarebereiche könnten durch KI auf ein völlig neues Level gehoben werden.
LEADERSNET: Gerade das Thema Energie hat durch geopolitische Krisen und wirtschaftliche Entwicklungen noch einmal an Bedeutung gewonnen. Welche Rolle spielt dieses Thema für Start-ups und Innovationen?
Janna Ensthaler: Absolut. Resilienz – also die Fähigkeit, hier in Deutschland selbstständig klarzukommen – ist ein riesiges Thema. Aber solche Projekte brauchen auch staatliche Unterstützung, weil sie langfristig angelegt sind.
LEADERSNET: In der Fernsehsendung entscheiden Sie und die anderen Löwen oft innerhalb weniger Minuten über einen Deal. Doch danach folgt die klassische Prüfung eines Investments. Wie viele Deals aus "Die Höhle der Löwen“ halten diesem Reality-Check tatsächlich stand?
Janna Ensthaler: Zum Glück die Mehrheit. Wenn man sich in der Show auf einen Deal einigt, ist das ja schon ein großes Commitment. Danach folgt allerdings immer eine klassische Due-Diligence-Prüfung. Dann schauen wir uns die Zahlen genau an: Stimmen sie? Gibt es versteckte Probleme, etwa Kredite, die nicht erwähnt wurden? Manchmal scheitert ein Deal daran, dass die Zahlen schlechter sind als gedacht. Es kommt auch vor, dass Gründer später sagen: Der Pitch war gutes Marketing, aber sie wollen doch keinen Investor. Diese Pitches strahlen wir dann zum Teil nicht aus. Und manchmal passt die strategische Ausrichtung nicht mehr zusammen – etwa wenn ein Gründer plötzlich ein ganz anderes Geschäftsmodell verfolgen möchte als das, was im Pitch vorgestellt wurde. Interessanterweise ist unsere Erfolgsquote bei "Die Höhle der Löwen“ tatsächlich besser als bei vielen klassischen Venture-Capital-Investments.
LEADERSNET: Neben Ihrer Rolle in der Fernsehsendung erreichen Sie als Investorin auch viele Start-up-Anfragen außerhalb des Formats. Wie gehen Sie mit diesen Anfragen um?
Janna Ensthaler: Nur Empfehlungen von Menschen, die ich wirklich gut kenne und die sagen: "Das musst du dir anschauen“, sehe ich mir persönlich an. Ansonsten habe ich ein Team, das die Anfragen zunächst prüft. Dieses Team schaut auch, ob ein Start-up vielleicht für "Die Höhle der Löwen“ geeignet wäre. Allerdings dürfen wir Löwen die Start-ups vorher nicht kennen. Außerhalb der Sendung beschäftige ich mich stark mit Venture-Capital-Investments, vor allem auch in den USA. Das ist mein Hauptfokus.
LEADERSNET: Wenn Sie den internationalen Vergleich ziehen: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Stärken deutscher Gründerinnen und Gründer?
Janna Ensthaler: Die Stärken sind ganz klar Liebe zum Detail, Verbindlichkeit und oft auch große Resilienz. Viele arbeiten immer noch extrem hart und ziehen Dinge konsequent durch.
LEADERSNET: Und wo sehen Sie die größten Schwächen im deutschen Start-up-Ökosystem?
Janna Ensthaler: Das Verkaufen. In Deutschland wird Verkaufen oft als etwas Niedriges angesehen. Für mich ist es aber ein zentraler Teil des Unternehmertums. Verkaufen bedeutet Storytelling. Es bedeutet, Menschen überzeugen zu können – das eigene Team, Investoren und Kunden. Als Gründer muss man letztlich aus dem Nichts einen Wirbelwind erzeugen. Man muss so viel Energie und Begeisterung für eine Idee haben, dass andere daran glauben. Innovation reicht nicht – Deutschland kann sich nicht gut verkaufen. Die Deutschen backen zu oft viel zu kleine Brötchen.
LEADERSNET: Sie betonen häufig, dass Europa selbstbewusster auftreten sollte – gerade wenn es um Innovation und Technologie geht. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Janna Ensthaler: Ich finde, wir sollten viel stolzer sein auf das, was wir als Deutsche und Europäer geschaffen haben. Wir gehören zu den einflussreichsten Kulturen der Welt – von unseren Dichtern und Denkern bis zur heutigen Technologie. Wenn man sich die großen Tech-Unternehmen anschaut, findet man überall deutsche Köpfe. Bei OpenAI etwa arbeiten deutsche Führungskräfte. Sebastian Thrun war maßgeblich an der Entwicklung des autonomen Fahrens bei Google beteiligt. Alexander Karp, der bei Habermas promoviert hat, ist CEO von Palantir. Wir haben enorm viel Brainpower – wir müssten nur selbstbewusster damit umgehen.
LEADERSNET: Sie haben zuletzt vier Monate mit Ihrer Familie im Silicon Valley verbracht. Hat dieser Aufenthalt Ihren Blick auf Europa und Deutschland verändert?
Janna Ensthaler: Ja, sehr. Ich war zum Beispiel beim Super Bowl, und die ersten 20 Minuten mit der Nationalhymne waren beeindruckend. Alle nehmen das unglaublich ernst. Man spürt, wie sehr sie ihr Land lieben. Ich empfinde das nicht als etwas Gefährliches, sondern als etwas Positives. Gefährlich ist eher, wenn man seine Identität verliert – und ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in Europa genau das gerade tun.
LEADERSNET: Woran machen Sie das fest?
Janna Ensthaler: Matthias Müller, ehemaliger CEO von VW, hat neulich einmal gesagt: "Wir sind auf dem besten Weg zu einer DDR 2.0.“ Ich sehe es ähnlich. Unsere Staatsquote ist knapp 50 %. "Ab 50 % beginnt der Sozialismus“, hat Helmut Kohl einmal gesagt. Da es historisch genug Belege gibt, dass dieses Wirtschaftsmodell immer und immer wieder scheitert, sollten wir diesen Weg nicht noch einmal einschlagen. Zumal die meisten Deutschen etwas anderes wollen. Sie fühlen sich von der Politik nicht mehr gehört. So gibt es kein gemeinsames Leitbild mehr, wer wir sein wollen, was wir gemeinsam erreichen wollen.
LEADERSNET: Welche Eindrücke haben Sie in den USA noch mitgenommen?
Janna Ensthaler: Ich finde es schade, dass in Deutschland oft ein sehr negatives Bild von Amerika gezeichnet wird. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die ich dort erlebt habe, waren enorm. Gerade mit Kindern braucht man ständig Unterstützung – neue Schulen, Kurse, Organisation. Und jedes Mal hat jemand sofort geholfen. Natürlich haben wir in Europa große Vorteile, etwa beim Sozialsystem. Aber ich hoffe sehr, dass die Verbindung zwischen Europa und den USA stark bleibt. Diese Partnerschaft ist extrem wichtig.
LEADERSNET: Wenn man Deutschland und die USA im Start-up-Bereich vergleicht: Liegt der Unterschied eher am fehlenden Kapital oder an der geringeren Risikobereitschaft?
Janna Ensthaler: An beidem. In Amerika gründet man vielleicht dreimal, und beim vierten Mal klappt es – und niemand verurteilt einen dafür. In Deutschland gilt man nach mehreren gescheiterten Versuchen schnell als gescheitert. Dabei wird Risiko oft überschätzt als Gefahr. Ich sage immer: "The most overestimated danger is risk – and the most underestimated one is not trying.“ Eigentlich ist es gefährlicher, gar keine Risiken einzugehen. Beim Kapital sieht man ebenfalls große Unterschiede. Amerikanische Start-ups bekommen ein Vielfaches an Finanzierung. Besonders aber auch in der Wachstumsphase fehlt uns in Europa Kapital.
LEADERSNET: Sie haben den Green Generation Fund gegründet und in nachhaltige Technologien investiert. Wie hat sich Ihr Blick auf Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren verändert?
Janna Ensthaler: Unser Fund mit Fokus auf Energy Tech und Green Tech ist inzwischen vollständig investiert. Ich glaube, dass Europa beim Thema Nachhaltigkeit teilweise einen falschen Weg eingeschlagen hat. Wir haben versucht, Klimapolitik gegen die Wirtschaft umzusetzen – und am Ende weder die Wirtschaft gestärkt noch die Klimaziele wirklich erreicht. Der sinnvollste Weg ist aus meiner Sicht, in günstige Energie zu investieren. Wenn wir Technologien entwickeln, die Energie günstiger und sauberer machen – etwa bessere Solar- oder Windlösungen oder neue Energieformen wie Fusion –, dann werden auch große Volkswirtschaften darauf umsteigen.
LEADERSNET: Die Welt verändert sich wirtschaftlich und geopolitisch gerade sehr schnell. Wie wichtig ist es für Sie als Investorin, die eigene Perspektive immer wieder neu zu justieren?
Janna Ensthaler: Das ist entscheidend. Investoren müssen sich ständig mit makroökonomischen und geopolitischen Entwicklungen beschäftigen. Diese Entwicklungen wirken sich immer auf Geschäftsmodelle aus. Ein großer Teil unseres Jobs besteht deshalb darin, zu verstehen, wohin sich die Welt bewegt.
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