AI Washing
Wenn Künstliche Intelligenz menschliche Fehler verschleiern soll

| Redaktion 
| 04.03.2026

Unser heutiger Beitrag aus der Kategorie "Begriffe, die Sie in den nächsten Jahren noch häufiger hören dürften": Im Zuge einer Massenentlassung beim FinTech-Unternehmen Block wird Gründer Jack Dorsey (ehemals Twitter) vorgeworfen, eigene Fehlentscheidungen auf die Transformation durch Künstliche Intelligenz zu schieben – unter Kritikern wird von "AI Washing" geredet.

Jack Dorsey ist insbesondere als Mitgründer und zweifacher CEO von Twitter (heute X) bekannt, dessen frühe Produktphilosophie der kurzen, öffentlichen Statusmeldungen maßgeblich vom US-amerikanischen Softwareentwickler geprägt wurde.

Parallel gründete Dorsey schon 2009 den Zahlungsdienst Square, der später in Block umbenannt wurde. Vor fünf Jahren zog er sich aus der operativen Führung von Twitter zurück und konzentriert sich seither vornehmlich auf besagtes FinTech-Unternehmen. Das fokussiert sich auf digitale Zahlungsinfrastruktur für Händler oder Privatnutzer und engagiert sich im Bitcoin-Ökosystem.

Künftig wird Block dafür jedoch deutlich weniger Angestellte nutzen: Vergangene Woche verkündete Jack Dorsey, dass sich sein Unternehmen von rund 4000 der insgesamt etwa 10.000 Mitarbeitern trennt.

"Etwas hat sich verändert"

"Wir treffen diese Entscheidung nicht, weil wir in Schwierigkeiten sind. Unser Geschäft läuft gut. Der Bruttogewinn wächst weiter, wir bedienen immer mehr Kunden und die Rentabilität verbessert sich", versicherte Jack Dorsey dabei.

"Aber etwas hat sich verändert. Wir sehen bereits, dass die von uns entwickelten und eingesetzten Intelligenz-Tools in Verbindung mit kleineren und flacheren Teams eine neue Arbeitsweise ermöglichen, die die Gründung und Führung eines Unternehmens grundlegend verändert. Und diese Entwicklung beschleunigt sich rapide."

Kurzum ermöglicht es Künstliche Intelligenz, die gleiche Arbeit mit deutlich weniger menschlichem Input zu verrichten.

Den vergleichsweise radikalen Cut begründet Dorsey damit, dass wiederholte Kürzungsrunden in kleineren Schritten schlecht "für die Moral, die Konzentration und das Vertrauen, das Kunden und Aktionäre in unsere Führungsfähigkeit setzen" seien.

Jack Dorsey gibt Overhiring zu

Angesichts der unbestreitbaren technologischen Dynamik klingt diese Argumentation grundsätzlich schlüssig. Kaum ein Bereich der Wirtschaft bleibt von Automatisierung und generativer KI unberührt, Effizienzgewinne gelten als gesetzt. Kleinere Teams, unterstützt von leistungsfähigen Tools – das ist derzeit ein vertrautes Zukunftsbild.

Allerdings sind nicht alle Beobachter davon überzeugt, dass der Aufstieg der KI der eigentliche Treiber hinter der Entlassungswelle bei Block ist.

"Die Rücknahme einer wahnsinnigen Covid-Einstellungswelle hat viel mehr mit Jack Dorseys Management-Inkompetenz zu tun als mit der Frage, ob KI Ihren Arbeitsplatz übernehmen wird", schreibt X-User Will Slaughter, der darauf hinweist, dass sich Block zwischen 2019 und 2022 personell mehr als verdreifacht habe (etwa 12.500 Mitarbeiter seinerzeit).

Dorsey bezog sich direkt auf den Beitrag und gab zu, während der Pandemie "Overhiring" betrieben zu haben, weil er "fälschlicherweise zwei separate Unternehmensstrukturen (Square & Cash App) statt einer einzigen" anstrebte.

Das sei Mitte 2024 korrigiert worden; schon damals entließ Block gut 2000 Mitarbeiter. Mit Verweis auf vervierfachte Effizienz bekräftigte er: "Wir führen ein effizientes Unternehmen – besser als die meisten anderen."

Gleichzeitig ist es nicht das erste Mal, dass Jack Dorsey zur Last gelegt wird, Menschen allzu eifrig auf die Gehaltsliste seiner Unternehmen zu setzen: Nach dem Kauf von Twitter wurde Neubesitzer Elon Musk nicht müde zu betonen, dass er etwa 80 Prozent der damaligen Belegschaft streichen konnte, ohne die Funktionalität des sozialen Netzwerks zu beeinträchtigen.

AI Washing als sprachlicher Schutzschild

Will Slaughter ist mit seiner Einschätzung derweil nicht alleine. "Dieser Schritt wirkt insbesondere so, als würde Block KI als Vorwand nutzen, um seine frühere Überbesetzung abzubauen", wird Nate Svensson, Aktienanalyst bei der Deutschen Bank, von Forbes zitiert.

In diesem Zuge kommt der Begriff "AI Washing" auf. Damit bezeichnet man im Wesentlichen den Versuch, unternehmerische Entscheidungen (zum Beispiel Restrukturierungen oder Personalabbau) mit dem Schlagwort "Künstliche Intelligenz" zu legitimieren – selbst, wenn KI nicht der eigentliche oder zumindest nicht der alleinige Grund ist.

AI Washing ist eng mit bekannteren Vertretern verwandt: Beim Greenwashing stellen Unternehmen ihre Umweltfreundlichkeit bewusst überhöht dar, während das Sportwashing mitunter ganzen Nationen zu mehr internationaler Akzeptanz verhelfen soll. Zwischen Boxen, UFC, WWE oder der Fußball-WM 2034 engagiert sich hier zum Beispiel Saudi-Arabien besonders stark.

Effektiv dient AI Washing dagegen eher als sprachlicher Schutzschild. Es lenkt den Blick auf Zukunftsfähigkeit und einen leicht nachvollziehbaren Innovationsdruck, wodurch hintergründige Ursachen – etwa Überexpansion oder Fehlplanung – verschleiert werden können.

Echte Umbrüche oder kommunikative Nebelkerzen?

Ob im Fall von Block tatsächlich AI Washing betrieben wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum seriös beurteilen. Oft wird sich erst mit zeitlichem Abstand zeigen, ob technologische Umbrüche substanziell waren oder primär als kommunikative Rahmung dienten. Der Begriff taugt daher weniger als Anklage denn als Prüfstein.

Fest steht: Er wird uns in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehr viel öfter begegnen. In einer Zeit, in der fast jedes Unternehmen tatsächlich unter Innovationsdruck steht, bietet KI eine zukunftsgewandt klingende Erklärung für unpopuläre Entscheidungen oder Korrekturen eigener Fehler.

Die Sensibilität der Öffentlichkeit für diesen vermeintlich einfachen Ausweg dürfte im Laufe der Zeit jedoch wachsen. Beobachter werden verstärkt unter die Lupe nehmen, ob Profitabilität eher durch gesenkte Personalkosten als gesteigerte Effizienz erreicht wird oder ob im Vorfeld Anzeichen für Überbesetzung, finanzielle Druckpunkte oder notwendige Korrekturen erkennbar waren.

Natürlich gehören KI-fokussierte Unternehmen nicht unter Generalverdacht gestellt – genauso wenig sollte man sich jedoch daran gewöhnen, künftig jede Geschichte von "KI-bedingten Einschnitten" mit einem selbstverständlichen Nicken und ohne nähere Nachfrage zu schlucken.

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