Landesweites Ladensterben
Neuer Tiefstand: Warum 2026 erstmals weniger als 300.000 Läden in Deutschland existieren

| Redaktion 
| 22.03.2026

Deutschlands Einkaufsmeilen stehen vor einem historischen Wendepunkt: Laut aktuellen HDE-Prognosen wird die Zahl der stationären Geschäfte landesweit im Jahr 2026 unter die Marke von 300.000 sinken. Während der Onlinehandel floriert, zwingen Rekord-Insolvenzen und eine hartnäckige Konsumflaute selbst prominente Traditionsnamen wie Görtz oder Gerry Weber in die Knie. Der strukturelle Wandel entwickelt sich damit von einer vorübergehenden Krise zu einer dauerhaften Bedrohung für die Attraktivität der deutschen Innenstädte.

Deutschlands Innenstädte verändern ihr Gesicht – und zwar schneller, als vielen lieb ist. Nach aktuellen Schätzungen des Handelsverbands Deutschland (HDE) könnte die Zahl stationärer Geschäfte 2026 erstmals unter die Marke von 300.000 fallen. Konkret rechnen Branchenvertreter mit rund 296.600 Läden – trotz bereits einberechneter Neueröffnungen.

Ein Jahrzehnt des Rückgangs: 70.000 Geschäfte verschwinden vom Markt

Ein historischer Einschnitt: Seit der Wiedervereinigung hatte es eine solche Entwicklung noch nicht gegeben. Zum Vergleich: Ende 2015 existierten bundesweit noch etwa 372.000 Geschäfte. Damit ist binnen eines Jahrzehnts ein Rückgang von rund 70.000 Standorten zu verzeichnen.

Das toxische Trio: Pandemie, Online-Boom und Inflation

Die Ursachen sind vielfältig – und sie verstärken sich gegenseitig. Besonders einschneidend wirkte die Corona-Pandemie: Lockdowns und Zugangsbeschränkungen zwangen viele Händler zur Aufgabe. Allein 2021 verschwanden etwa 11.500 Geschäfte vom Markt, im Jahr darauf weitere 11.000. 2025 lag der Rückgang noch bei rund 4500 Läden.

Parallel dazu hat sich das Kaufverhalten nachhaltig verschoben. Denn der Onlinehandel wächst munter weiter: Für 2025 meldet der HDE ein preisbereinigtes Plus von 3,5 Prozent. Im stationären Handel hingegen stagnieren die Umsätze. Studien etwa des Instituts für Handelsforschung (IFH Köln) zeigen seit Jahren, dass sich Konsumausgaben zunehmend ins Internet verlagern – beschleunigt durch Bequemlichkeit, Preisvergleichsmöglichkeiten und ein breiteres Sortiment.

Doch nicht nur der Wettbewerb aus dem Netz macht den Händlern zu schaffen. Viele Verbraucher halten sich zurück. Laut aktuellen Konsumklima-Erhebungen – etwa von GfK und Nürnberg Institut für Marktentscheidungen – bleibt die Sparneigung hoch, teils auf Niveaus wie zuletzt während der Finanzkrise 2008. Unsicherheiten durch Inflation, Energiepreise und wirtschaftliche Perspektiven drücken auf die Kaufbereitschaft.

Branche blickt skeptisch nach vorn

Der Effekt ist sichtbar: Leerstände nehmen zu, ganze Einkaufsstraßen verlieren an Attraktivität. HDE-Präsident Alexander von Preen warnt vor einer Abwärtsspirale. Bereits heute litten viele Innenstädte unter ungenutzten Flächen – ohne Gegenmaßnahmen drohe eine weitere Verödung.

Vor allem mittelständische Händler geraten unter Druck. Steigende Kosten für Energie, Personal und Mieten treffen auf eine schwache Nachfrage. Der Verband fordert daher politische Entlastungen, insbesondere bei Betriebskosten und Arbeitskosten.

Auch die Erwartungen für das laufende Jahr sind gedämpft. In einer HDE-Umfrage vom Januar bewerten nur 14 Prozent der Händler ihre aktuelle Lage als gut. Jeder zweite Betrieb rechnet für 2026 mit sinkenden Umsätzen. Hauptgrund bleibt die Kaufzurückhaltung der Kundschaft.

Prominente Opfer: Die Insolvenzwelle erreicht den Mainstream

Die angespannte Lage zeigt sich auch in den Insolvenzzahlen: Laut Kreditversicherer Allianz Trade meldeten 2025 insgesamt 2571 Einzelhändler Insolvenz an – der höchste Wert seit einem Jahrzehnt (2024: 2291). Ein weiterer Anstieg gilt als wahrscheinlich.

Zu den betroffenen Unternehmen zählen bekannte Namen aus Mode- und Einzelhandel. So gerieten etwa der Schuhhändler Görtz, der Modekonzern Gerry Weber und der Herrenausstatter Wormland in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Hemdenhersteller Eterna will seinen Betrieb im Sommer einstellen. Andere wie Depot oder Kodi reagieren mit einem deutlichen Rückbau ihres Filialnetzes.

Politik und Branche suchen Antworten

Vor diesem Hintergrund trifft sich die Branche in Berlin zum Handelsimmobilienkongress. Vertreter aus Wirtschaft und Politik wollen dort über Strategien gegen Leerstand und Strukturwandel beraten. Mit dabei ist auch Sabine Poschmann (SPD), Staatssekretärin im Bauministerium.

 

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV