LEADERSNET: Herr Ebert, nur noch wenige Tage bis zur Buchmesse. Wie geht es Ihnen?
Dr. Christian Ebert: Es ist eine Mischung aus Konzentration und Vorfreude – und die Vorfreude wird immer größer, es kribbelt im Bauch. Für mich ist es die dritte Frankfurter Buchmesse. Das Spannende ist, vor Ort zu sehen, wie aus vielen Einzelentscheidungen, die wir monatelang treffen, am Ende ein stimmiges Gesamtwerk wird.
LEADERSNET: Was ist 2026 anders als in den vergangenen Jahren?
Dr. Christian Ebert: Wir haben das Hallenkonzept angepasst, dadurch bekommt die ganze Messe eine neue Lesbarkeit. Wer nach Frankfurt kommt, um Geschäfte zu machen – oft aus dem internationalen Raum –, findet auf den oberen Hallenebenen eine Business-Ebene. Das Publikum, das ein Festival erleben möchte, verteilt sich auf die unteren Hallenebenen rund um das Freigelände Agora. Dadurch verändern sich Laufwege, Rhythmus und vermutlich das ganze Gespür für die Messe.
LEADERSNET: Jeder kann die Messe also noch gezielter nach seinen Bedürfnissen besuchen?
Dr. Christian Ebert: Genau. Die Frankfurter Buchmesse ist nicht nur die größte Buchmesse der Welt, sondern auch Fach- und Publikumsmesse zugleich. Für das internationale Fachpublikum sind wir alle fünf Tage geöffnet, von Freitag bis Sonntag kommt das Privatpublikum hinzu. Das sind zwei grundverschiedene Charaktere. Nach Abstimmung mit vielen Ausstellern und Kunden haben wir entschieden: Für ungestörtes Arbeiten braucht es eine fokussierte Atmosphäre auf einer gemeinsamen Hallenebene. Mir ist aber wichtig: Das ist keine Trennung. Alle können sich weiterhin auf beiden Ebenen bewegen.
LEADERSNET: Nach der Ankündigung des neuen Konzepts gab es unter Ausstellern durchaus Aufregung. Wie haben Sie reagiert?
Dr. Christian Ebert: Ich habe früher selbst bei einem Verlag gearbeitet, der in Frankfurt ausgestellt hat. Daher weiß ich: Wenn sich etwas Essenzielles verändert, sorgt das immer für Diskussionen. Eine der wichtigsten Entscheidungen für eine Messeteilnahme ist die Standplatzierung – nicht nur die Halle, sondern auch der Platz in der Halle und das Umfeld. Wir haben gelernt, dass man so etwas frühzeitig ankündigen und dem Ganzen Zeit geben muss, um Feedback einzusammeln. Und man muss lernbereit bleiben: Wenn sich in diesem Jahr etwas zeigt, das sich verbessern lässt, schärfen wir im nächsten Jahr nach.
LEADERSNET: Woran messen Sie, ob das neue Konzept funktioniert hat?
Dr. Christian Ebert: Zum einen an harten Zahlen: Wie viele Besucherinnen und Besucher kommen zu uns, wie viele halten sich an den Bühnen auf, wie bewegen sie sich über die Messe? Mindestens genauso wichtig ist das Feedback unserer Kunden. In diesem Jahr befragen wir gezielt Besucherinnen und Besucher, wie sie sich zurechtgefunden haben und was sie sich für das nächste Jahr wünschen. Mit unseren Ausstellern waren wir schon im Vorfeld im Gespräch und schauen während und nach der Messe genau hin, wo es noch Optimierungsbedarf gibt.
LEADERSNET: Bleiben wir bei den harten Zahlen: Die Frankfurter Buchmesse gilt als größte Buchmesse der Welt. Was heißt das konkret?
Dr. Christian Ebert: Im vergangenen Jahr kamen über 230.000 Besucherinnen und Besucher an fünf Tagen nach Frankfurt, davon jeweils die Hälfte Fach- bzw. Privatpublikum. Das Privatpublikum kommt vor allem aus Deutschland, und je näher man an Frankfurt wohnt, desto häufiger. International haben wir Besucher aus 131 Ländern gezählt. Mit über 4.000 Ausstellern in elf Hallen ist die Messe ein ausgesprochen komplexes Gebilde.
LEADERSNET: Verlage kommen aus aller Welt nach Frankfurt. Stellen Sie kulturelle Unterschiede fest, was sie von der Messe erwarten?
Dr. Christian Ebert: Die internationalen Verlage kommen vor allem aus geschäftlichem Interesse. Und da gibt es eine einheitliche Klammer: Wer aus Übersee kommt, der braucht einen Flug, mehrere Hotelnächte und Verpflegung vor Ort. Entsprechend wichtig ist der Gegenwert, den er erhält – und der ist geschäftlich: Verträge schließen, Lizenzen kaufen oder verkaufen, Kontakte knüpfen. Für das internationale Publikum müssen wir deshalb spezifisch arbeiten, indem wir die richtigen Menschen nach Frankfurt holen und ihnen Möglichkeiten bieten, zusammenzukommen.
LEADERSNET: Ein Thema prägt derzeit viele dieser Gespräche: künstliche Intelligenz. Ist sie für die Buchbranche eher Chance oder Risiko?
Dr. Christian Ebert: Im Publishing verändern sich bereits viele Prozesse. Ein Übersetzer hat vor zehn Jahren vermutlich anders gearbeitet als heute, und in zehn Jahren wird sich sein Aufgabenfeld durch KI weiter verändern. Gerade deshalb braucht die Branche stabile und verlässliche Rahmenbedingungen. Kreative Arbeit kann eine KI nicht ersetzen, und sie muss entsprechend honoriert werden. Sonst würde irgendwann weniger kreative Arbeit entstehen – und dann hätte auch die KI nichts mehr, woraus sie schöpfen kann. Das Urheberrecht ist hier entscheidend.
LEADERSNET: Und wie nutzen Sie selbst KI bei der Frankfurter Buchmesse?
Dr. Christian Ebert: Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und managen gleichzeitig die größte Buchmesse der Welt – mit über 4.000 Ausstellern, elf Hallen und über 230.000 Besucherinnen und Besuchern. Beim Komplexitätsmanagement, etwa bei Hallenbelegungen und Anmeldungen, kann gut eingesetzte Technologie sehr helfen. Da stehen wir am Anfang. Seit diesem Jahr stellen wir zudem KI-Tools für alle Mitarbeitenden zur Verfügung. Deren Nutzung unterstützen wir durch umfangreiche Schulungen und Formate zum Erfahrungsaustausch.
LEADERSNET: Was müssen Messen heute können, was sie vor fünf oder zehn Jahren noch nicht mussten?
Dr. Christian Ebert: Eine reine Bücherschau reicht heutzutage nicht mehr aus – entscheidend ist das Drumherum, das Erlebnis. Dazu gehören Stars, spannende Vorträge und Workshops, ein bisschen Show und Musik und auch Kulinarik. Bei uns kann man seine Lieblingsbücher anschauen, anfassen, Probe lesen und kaufen. So viele Titel an einem Ort findet man nirgendwo. Deshalb sind wir während der Messewoche wahrscheinlich die größte Buchhandlung der Welt.
LEADERSNET: Warum übt das Buch gerade in unserer schnellen, digitalen Zeit solch eine Faszination aus?
Dr. Christian Ebert: Geschichten verbinden die Welt. Und die meisten Geschichten entstehen in einem Buch, deshalb ist es der Ausgangspunkt für so vieles. Hinzu kommt: Lesen nimmt das Denken zurück und entschleunigt. Fernsehen und soziale Medien werden immer schneller, und ich richte mich nach ihrer Geschwindigkeit. Beim Buch bestimme ich das Tempo selbst. Mich persönlich entlastet und entspannt das. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen so geht: Sie greifen zum Buch, um in eine andere Welt einzutauchen – oder um zu der Geschwindigkeit zurückzufinden, in der sie eigentlich leben möchten.
LEADERSNET: BookTok, Bookfluencer, Romantasy: Viele junge Menschen entdecken Bücher heute über Social Media. Wie verändert das Ihr Marketing?
Dr. Christian Ebert: Diese Zielgruppe ist ein Segen für die Branche. Die New Adult-Community ist eine sehr starke Gruppe, vor allem junge Leserinnen. Bereits vor zwei Jahren gaben wir der Community einen eigenen Raum auf der Messe, in diesem Jahr zieht sie in die Festhalle. Beim Marketing geht es um Erreichbarkeit: Mit klassischer Werbung erreicht man die jungen Leser nicht, und selbst mit Social-Media-Anzeigen und organischen Posts kommt man nicht weit. Deshalb arbeiten wir mit Influencern zusammen, die diese Communities prägen, und holen sie nach Frankfurt. Wir müssen dorthin gehen, wo sie sind – auch auf Kanäle, die eine Buchmesse normalerweise nicht bespielt, etwa Streaming-Plattformen wie Twitch.
LEADERSNET: Sie sprechen von Stars: Wie wichtig ist es, dass Promis und Star-Autoren wie Sebastian Fitzek die Buchmesse besuchen?
Dr. Christian Ebert: Prominente sind Zugpferde, für jede Zielgruppe. Das ist der große Vorteil einer physischen Messe: Signierstunden, Gespräche oder exklusive Treffen mit den Stars – online geht das nicht. Sebastian Fitzek feiert in diesem Jahr sein 20. Jubiläum, dafür gibt es in Halle 5 eine eigene Sonderfläche. Für das deutschsprachige Publikum wird er sicherlich einer der größten Publikumsmagneten sein. Auch andere Stars wie Caroline Wahl und Otto Waalkes kommen dieses Jahr nach Frankfurt.
LEADERSNET: Neben den Stars fallen auf der Messe auch ganz eigene Communities ins Auge – etwa Menschen in Fantasiekostümen. Woher kommt das?
Dr. Christian Ebert: Gerade für das junge Publikum im Bereich Manga und Cosplay spielt es eine besondere Rolle, sich über Kleidung auszudrücken – das ist eine ganz eigene Community. In diesem Jahr geben wir dem eine neue Bühne: die Main Matsuri Stage draußen auf der Agora. Dort geht es um Manga und japanische Popkultur, und dort findet auch der Cosplay-Wettbewerb statt.
LEADERSNET: Viele kommen als Fans, manche mit eigenen Ambitionen: Wer davon träumt, selbst ein Buch zu schreiben – ist die Messe ein Zugang zu den Verlagen?
Dr. Christian Ebert: Aber sicher! Wir verbinden nicht nur Stars mit ihren Fans, sondern auch Autorinnen und Autoren mit Verlagen. Es gibt Autoren-Workshops, Vorträge und Anleitungen zum Thema Schreiben. Wenn eine Autorin oder ein Illustrator auf einen Verlag trifft, erwächst daraus oft eine Geschäftsbeziehung zum Vorteil beider Seiten.
LEADERSNET: Menschen lesen nicht nur, sie hören auch Hörbücher und Podcasts. Wird die Buchmesse zur Rundum-Messe für Geschichten in jeder Form?
Dr. Christian Ebert: Weil Geschichten fast immer ihren Ausgangspunkt im Buch haben, passt das ideal zu uns. Diese Geschichten finden sich heute im Hörbuch wieder, in Podcasts, in Filmen und immer häufiger in Games. Wenn weniger physisch gelesen wird, ist es für die Branche wichtig, andere Wege zu finden, ihre Geschichten zu präsentieren. Wir bieten hierfür Austauschformate wie Book to Screen, Book meets Games und einen eigenen Audiobereich.
LEADERSNET: Worauf freuen Sie sich bei der diesjährigen Messe am meisten?
Dr. Christian Ebert: Auf die Dinge, die neu sind. Wenn ich zwischen meinen Terminen einen kleinen Rundgang mache, steht zum Beispiel die Crime World in Halle 5 auf meiner Liste – eine Themenwelt rund um Krimis, die in diesem Jahr Premiere hat. Solche Areale haben eine Vorlaufzeit von mehreren Monaten. Das dann live zu erleben, ist spannend – und macht stolz.
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