Ein Arbeitstag ohne Internet, keine Videokonferenzen, keine Cloud, keine funktionierenden Zahlungssysteme – was temporär eine lästige technische Panne ist, würde über einen längeren Zeitraum hinweg milliardenschwere Geschäftszweige einbrechen lassen.
Die Digitalisierung hat Unternehmen nicht nur effizienter gemacht, sondern auch ein Geflecht aus Abhängigkeiten geschaffen, das im Alltag vor lauter Selbstverständlichkeit kaum noch auffällt: Server stehen irgendwo auf der Welt, Software kommt von internationalen Anbietern, wichtige Bauteile überqueren etliche Grenzen, ehe sie verarbeitet in den Händen des Endverbrauchers landen.
Solange die Systeme laufen und Handelsbeziehungen intakt bleiben, funktioniert dieses Modell. Doch in einer Welt, in der geopolitische Konflikte zunehmend auch technologisch ausgetragen werden, stellt sich die unbequeme Frage, wie viel digitale Abhängigkeit sich eine Volkswirtschaft eigentlich noch erlauben kann.
96 Prozent auf ausländische Leistungen angewiesen
"Internationale Arbeitsteilung ist eine Stärke unserer Wirtschaft, aber sie darf nicht dazu führen, dass wir im Krisenfall handlungsunfähig werden", unterstreicht Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
"Digitale Souveränität bedeutet Resilienz und ist deshalb eine Aufgabe für den gesamten Staat ebenso wie für jedes einzelne Unternehmen. Die Politik muss jetzt die richtigen Prioritäten setzen und dafür sorgen, dass Deutschland und Europa bei digitalen Schlüsseltechnologien unabhängiger werden", fordert er.
Mit einer Einordnung: "Dabei geht es nicht um Abschottung oder gar Autarkie. Es geht darum, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren und auf Druck adäquat antworten zu können."
Anlässlich des Digital-Gipfels der Bundesregierung hat Bitkom insgesamt 602 Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern repräsentativ befragt, wie es um ihre technologischen Importe und dazugehörige Einschätzungen steht:
- 96 Prozent der Unternehmen beziehen digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland
- 94 Prozent sehen Deutschland bei digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland als stark oder eher abhängig an. Zwei Drittel erwarten, dass diese Abhängigkeit weiter zunimmt
- 88 Prozent der importierenden Unternehmen sehen sich von China abhängig, bei den USA sind es 87 Prozent. Bei Taiwan liegt der Anteil bei 49 Prozent
- 73 Prozent sorgen sich angesichts Deutschlands digitaler Abhängigkeit von den USA; vor zwei Jahren waren es nur 38 Prozent. Bei China stieg der Wert von 69 auf 79 Prozent
- 93 Prozent erwarten bei einem Importausfall Auswirkungen auf Produktion und Leistungserbringung, 91 Prozent auf Vertrieb und Verkauf sowie 87 Prozent auf Logistik und Lieferketten
Aus den Befragungsergebnissen berechnet Bitkom, dass deutsche Unternehmen beim hypothetischen Komplettverzicht auf technische Produkte aus dem Ausland ihre Operation im Schnitt keine anderthalb Jahre mehr aufrecht halten könnten – gleichzeitig stehen die 16 ermittelten Monate Durchhaltevermögen eine Verbesserung gegenüber den 14 Monaten dar, die bei der letzten Erhebung dieser Art genannt wurden.
Breite Mehrheit zugunsten digitaler Souveränität
Die Frage, ob mehr Investitionen in digitale Schlüsseltechnologien und eine Stärkung der digitalen Souveränität Deutschlands erforderlich sind, erreicht fast einhellige Zustimmung (97 Prozent).
Entsprechend versuchen Unternehmen bereits, ihre Abhängigkeiten zu reduzieren. Demnach setzen 44 Prozent verstärkt auf Anbieter aus Deutschland und Europa, während 41 Prozent bewusst größere Vorräte wichtiger Bauteile und Komponenten anlegen. Weitere 40 Prozent bereiten sich darauf vor, bei Bedarf zentrale Anbieter oder Systeme austauschen zu können.
Allerdings kostet diese Umstellung Geld, Zeit und Geduld – und für ebenfalls eindeutige 97 Prozent stehen bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner weiterhin die finanziellen Konditionen an erster Stelle. Auch dem gegebenen technologischen Know-how ausländischer Anbieter wird von fast allen (93 Prozent) eine große Bedeutung eingeräumt.
Zu wenig inländische Alternativen
Gerade bei bestehenden Geschäftsbeziehungen im Ausland stoßen die Bemühungen um mehr Unabhängigkeit allerdings an Grenzen: 68 Prozent der Unternehmen geben an, für ihre Abhängigkeiten von ausländischen Geschäftspartnern schlichtweg keine Alternative zu haben.
Der Wunsch nach mehr digitaler Souveränität trifft damit auf eine wirtschaftliche Realität, in der die von Bitkom-Präsident Wintergerst erwähnte "internationale Arbeitsteilung" extrem tief in betriebliche Abläufe eingebettet ist.
Das darin Gefahren lauern, deutet sich auch beim Blick auf den empfundenen politischen Einfluss anderer Staaten an: 73 Prozent der Unternehmen, die digitale Technologien oder Leistungen importieren oder exportieren, sehen sich mit Blick auf die Verlässlichkeit der Politik am Sitz ihrer ausländischen Partner dazu gezwungen, Risiken einzugehen.
Handlungsfähigkeit gerät unter Druck ins Wanken
59 Prozent erklären zudem, faktisch keine Möglichkeit zu haben, sich gegen Druck ausländischer Geschäftspartner oder Regierungen zu wehren – in beiden Fällen ein nennenswerter Anstieg um jeweils 20 Prozentpunkte binnen zwei Jahren.
Bitkom sieht deshalb nicht allein die Unternehmen in der Pflicht. "Digitale Souveränität ist kein einzelnes Förderprogramm, sondern eine strategische Aufgabe für Deutschland und Europa. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, in Schlüsseltechnologien investieren und unsere digitale Infrastruktur resilienter machen", appelliert Dr. Ralf Wintergerst.
"Gleichzeitig brauchen wir starke internationale Partnerschaften und eine Gesellschaft, die digital souverän handeln kann. Jetzt kommt es darauf an, diese Prioritäten langfristig zu verfolgen. Nur so schaffen wir die technologischen Fähigkeiten und Wahlmöglichkeiten, die wir brauchen, um wirtschaftlich und politisch auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn wir massiv unter Druck gesetzt werden."
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