KI-Deal
Just get to work! Hat der Nvidia-Boss mit seiner Deutschland-Rüge recht?

Jensen Huang beklagt Deutschlands technologischen Rückstand und fordert mehr Tatkraft. Die Bundesregierung bereitet unterdessen einen millionenschweren KI-Pakt mit Nvidia vor. Wie berechtigt ist die Kritik – und welche Geschäftsinteressen verbinden sich damit?

"Nichts schmerzt mich mehr, als zu sehen, dass eines der technologisch fortschrittlichsten Länder bei der Technologie so weit zurückgefallen ist." Mit diesen Worten hat Nvidia-Chef Jensen Huang bei einem Pressegespräch in London Deutschland kritisiert. Seine Erklärung: "Vielleicht ist es die europäische Art, alles zu zerdenken." Dabei habe Deutschland "so viel Talent". Sein Appell: "Legt einfach los!" Die Aussagen verbreiten sich gerade über einen von Rowland Manthorpe auf X veröffentlichten Videoausschnitt.

Die Kritik trifft auf einen politisch brisanten Moment: Die Bundesregierung will an diesem Montag im Rahmen des Invest in Germany Summit 2026, eine umfangreiche KI-Kooperation mit Nvidia vorstellen. Laut Handelsblatt ist dafür eine staatliche Anschubfinanzierung im dreistelligen Millionenbereich vorgesehen. Hat Huang also mit seiner Diagnose recht? Und welche Rolle spielt dabei das Geschäftsinteresse eines Konzerns, der die Technik für Deutschlands Aufholjagd liefern könnte?

Deutschland handelt – schöpft die Möglichkeiten aber kaum aus

Das Bild eines Landes, das bei künstlicher Intelligenz nur zusieht, hält einer Überprüfung jedenfalls nicht stand. Nach einer im September veröffentlichten Bitkom-Befragung setzen inzwischen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI ein. Ein Jahr zuvor waren es 36 Prozent. Allerdings sagt die Nutzung allein wenig darüber aus, wie tief die Technologie im Geschäft verankert ist. Die Zahlen zeigen lediglich Bewegung, aber auch erheblichen ungenutzten Spielraum.

Hier trifft Huangs Appell einen Punkt: Zwischen ersten Anwendungen und einer umfassenden Veränderung von Produkten und Abläufen liegt noch viel Arbeit.

Nicht jedes Hindernis ist bloßes Zerdenken

Auch Huangs "Zerdenken-Theorie" greift zu kurz. Unter den Unternehmen, die bislang keine KI einsetzen, nennen laut Bitkom 85 Prozent fehlendes technisches Wissen zur Einführung. Rechtliche Unsicherheiten bremsen 66 Prozent, schwer kalkulierbare Kosten 63 Prozent.

Das sind konkrete Probleme, die sich mit Entschlossenheit allein kaum lösen lassen. Wer KI in Produktionsprozesse einbaut, muss Daten aufbereiten, bestehende Systeme verbinden und die Zuverlässigkeit prüfen. „Legt einfach los“ mag ein wirksamer Appell sein, aber keine Umsetzungsstrategie.

Der Mahner verkauft auch die Technik

Huang spricht zudem als Unternehmer. Nvidia liefert Chips und Software für die Entwicklung und den Betrieb von KI. Wenn Staaten und Unternehmen mehr Rechenkapazität aufbauen, entstehen zusätzliche Absatzmöglichkeiten für den Konzern. Sein Appell lässt sich deshalb auch als verkaufsfördernde Botschaft lesen: Macht schnell, ansonsten fällt ihr noch weiter zurück!

Was der KI-Pakt mit der Bundesregierung bringen soll

Nach Informationen des Handelsblatts soll die geplante Kooperation zwei Bereiche voranbringen: sogenannte physische KI, etwa für Roboter und autonome Fahrzeuge, sowie leistungsfähige Modelle für industrielle Anwendungen. Die staatlichen Mittel sollen unter anderem den Einkauf von Rechenkapazität und das Training neuer Modelle finanzieren.

Nvidia könnte dem Bericht zufolge Ingenieure bereitstellen. Als mögliche Unternehmenspartner nennt das Handelsblatt unter anderem Siemens, Audi und Black Forest Labs. Die Initiative soll auf Soofi aufbauen. Das Konsortium aus Forschungseinrichtungen, Hochschulen und KI-Unternehmen stellte im Juni Ergebnisse seines ersten Basismodells Soofi S vor. Es soll unter anderem industrielle Anwendungen und die Verarbeitung technischer Dokumente ermöglichen.

 

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